Man schenke einer Gruppe Sommelièr:innen ein Glaserl „Silt 2015“ vom Rebenhof ein. Am besten die zweite Füllung aus dem Jahr 2021. Sollte diese Gruppe besonders bewandert sein, schmeckt sie den Sauvignon Blanc und den Chardonnay heraus. Vielleicht auch, dass der Chardonnay ein bisschen Holz gesehen hat. Aber dass Hartmut Aubell der erste Winzer seiner Familie ist? Dass das kein Wein eines Weinguts ist, das seine Handschrift über Generationen geschärft und etabliert hat? Unmöglich. Und doch: Der Rebenhof ist ein junges Weingut. Hartmut, den eigentlich jede:r Harti nennt, übernahm es 2009, nachdem seine Familie die Flächen jahrzehntelang an andere Winzer:innen verpachtet hatte.

Heute zählen seine Weine zu den profilschärfsten der Südsteiermark. Ihrer Naturbelassenheit ist jegliche Effekthascherei fremd, die innere Spannung zeugt von verwurzelter Ruhe, die nichts Lautes zu beweisen versucht. Wie macht Harti das? Natürlich spielt die biodynamische Weinbergarbeit eine Rolle. Aber nicht nur: Der gebürtige Leobner hat einen Nachhaltigkeitsanspruch an Wein, der nichts mit dem vagen Greenwashing-Geschwätz so vieler anderer Weingüter gemein hat. Es ist ein Anspruch, der auch unangenehme Fragen stellt – und damit besonders prägend für die Zukunft des nachhaltigen Weinbaus sein könnte.
Schönheit mit Schattenseiten
„Ich war der Erste in der Familie, der mit dem Rebenhof aufgewachsen ist, habe meine Sommerferien als Kind hier verbracht und da hat es sich vollkommen natürlich angefühlt, den Rebenhof und den Wein zum Mittelpunkt meines Lebens zu machen“, erinnert sich der 41-Jährige heute. Aber wie genau sollte dieser neue Lebensmittelpunkt gelebt werden? Mit welchem Anspruch? Um diese persönlichen Zukunftsfragen zu beantworten, begab sich der Südsteirer erst einmal auf Wanderschaft. Er wollte lernen, diese Sache mit dem Weinbau in all ihren Dimensionen zu begreifen. Zu verstehen, was Wein kann, soll. Wer sich mit den Rebenhof-Weinen beschäftigt, spürt das: Das Handwerk fühlt sich nicht einer einzelnen Schule oder Stilistik verpflichtet, sondern einem ganzheitlichen Verständnis von naturbelassenem Wein. „Wenn ich so zurückblicke, könnte ich keine Erfahrung als prägender als die andere bezeichnen“, sagt Harti.

„Was ich zum Beispiel beim großen Didier Dagueneau an der Loire sehen, erleben und lernen durfte, ist in keiner Weise mit dem vergleichbar, was mir bei der ebenso großartigen Familie Knoll in der Wachau mitgegeben wurde. Sepp Moser hat eine Facette geprägt, Château Hermitage im Bordeaux eine andere. An der Saar im Weingut Zilliken – Forstmeister Geltz – wiederum etwas anderes als auf Schloss Halbturn. Dankbar bin ich allerdings flächendeckend für alle, denn ohne sie wäre ich nicht der Mensch und Winzer, der ich jetzt bin.“ Was Harti in seinen intensiven Wanderjahren auch bewusst wurde: dass der Weinbau so, wie er immer noch allzu oft betrieben wird, nicht zukunftsfit ist. Harti spricht von den „Schattenseiten, die mir bewusst wurden“. Und von den Lösungen, die sich langsam, aber sicher am südsteirischen Horizont abzeichneten.
Biodynamischer Weinbau in der Südsteiermark
Eine davon war die Biodynamie. Dass Aubell nicht der einzige überzeugte Biodynamiker in der Südsteiermark ist, darf über eines nicht hinwegtäuschen: Gerade dieses Fleckchen Erde ist mit seinen hohen Niederschlägen, sprich: Regentagen, ein besonders herausforderndes Pflaster für die Biodynamie. Die häufige Feuchtigkeit begünstigt jede Menge Pilzkrankheiten, und da im biodynamischen Anbau nur stark eingeschränkte Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden dürfen, sind die Reben dem Infektionsdruck überdurchschnittlich stark ausgesetzt.

Das erfordert intensive Handarbeit, genaue Beobachtung der Wetterverläufe und viel Erfahrung im Timing der Maßnahmen. „Der Weg der Biodynamie ist trotzdem in jeglicher Hinsicht der beste, den ich mir vorstellen kann“, sagt Aubell als überzeugtes Demeter-Mitglied. Doch als ambitionierter Winzer möchte er den Nachhaltigkeitsgedanken noch weitertreiben. Dorthin, wo hinzuschauen vielen in der Weinbranche heute noch wehtut: zu den Glasflaschen.
Warum die Glasflasche das größte Nachhaltigkeitsproblem im Weinbau ist
Zur Einordnung: Mehrere Analysen zeigen, dass Herstellung und Transport der Glasflasche über 60 Prozent der gesamten CO₂-Emissionen eines Flaschenweins ausmachen – mehr als Anbau, Lese und Gärung zusammen.
Es ist nicht schönzureden: Die Klimabilanz der Herstellung und des Transports von Weinflaschen ist verheerend. Mehrere Analysen zeigen, dass sie über 60 Prozent der gesamten Emissionen eines Flaschenweins ausmachen – mehr als Anbau, Lese und Gärung zusammen. Kurz: Selbst wenn der Wein im eigenen Weingarten nachhaltig wächst, sorgt die klassische Glasflasche selbst für einen erheblichen Teil der Klimabelastung. Deswegen war Hartis Umstellung auf Leichtglasflaschen nur ein Schritt von vielen: „Dazu kommen zum Beispiel meine Weine in der Halbliter-Bierflasche, die meine Kundinnen und Kunden an jeder Rückgabestelle wieder in den Kreislauf zurückführen können.

Und natürlich die Bag-in-Box, die den CO₂-Abdruck gegenüber klassischen Flaschen um 90 Prozent senkt und noch dazu voll recyclebar ist“, sagt Harti. Und fügt hinzu: „Sie passt übrigens auch hervorragend in Kühlschränke und hält den Wein praktisch unter Luftverschluss.“ Diese nachhaltigen Flaschenalternativen mögen heute noch eigenwillig wirken, aber sie zeigen: Echte Nachhaltigkeit bricht eben manchmal mit unhinterfragten Gewohnheiten. Und ja, manchmal auch mit Glas. Dass dabei kein Scherbenhaufen entsteht, beweist Harti Aubell mit seinen Weinen jedes Jahr aufs Neue.
Häufige Fragen zu biodynamischem Wein
Was ist biodynamischer Weinbau? Biodynamischer Weinbau geht über den biologischen Anbau hinaus: Er behandelt den Weinberg als geschlossenes Ökosystem, arbeitet nach dem Mondkalender und verzichtet vollständig auf synthetische Pflanzenschutzmittel und Kunstdünger. Stattdessen kommen pflanzliche und mineralische Präparate zum Einsatz, die Boden und Reben stärken sollen.
Was bedeutet Demeter-Zertifizierung beim Wein? Demeter ist das international anerkannte Zertifizierungszeichen für biodynamisch erzeugte Produkte. Winzer wie Harti Aubell müssen strenge Richtlinien erfüllen – von der Bewirtschaftung des Weinbergs bis zur Verarbeitung im Keller – und werden regelmäßig kontrolliert.
Ist Bag-in-Box wirklich nachhaltiger als die Glasflasche? Ja: Der CO₂-Abdruck einer Bag-in-Box liegt laut Studien um bis zu 90 Prozent unter dem einer klassischen Glasweinflasche. Der Hauptgrund: Glas ist schwer und energieintensiv in der Herstellung. Bag-in-Box ist zudem vollständig recyclebar und hält geöffneten Wein durch den Luftverschluss deutlich länger frisch.
















