Mit Drohnen gegen den Mähtod: Kitzrettung im Tiroler Oberland

Im Tiroler Oberland rettet ein ehrenamtlicher Verein mit Drohnen Rehkitze vor dem Mähtod – und verändert dabei den Umgang zwischen Landwirtschaft, Jagd und Tierschutz.
Kitzrettung Tiroler Oberland
© Kitzrettung Tiroler Oberland/ Dream Wild Films

Ein leises, surrendes Geräusch durchbricht die Stille. Eine Drohne steigt am Rand eines Feldes im Tiroler Oberland auf. Was friedlich wirkt, ist hochkonzentrierte Präzisionsarbeit. Denn die Ruhe täuscht – hier geht es um nicht weniger als Leben und Tod.

Technik gegen ein unsichtbares Risiko

Wenn im Frühjahr die Mähsaison beginnt, werden Rehkitze zur Gefahr für sich selbst. Ihr Instinkt schützt sie vor Fressfeinden – bei Gefahr drücken sie sich regungslos ins Gras. Gegen Mähwerke wird diese Strategie jedoch zur selbstgestellten Todesfalle.

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Kitzrettung Tiroler Oberland
Ehrenamtliche Helfer:innen sichern die gefundenen Rehkitze und tragen sie aus der Wiese an den Feldrand.
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Kitzrettung Tiroler Oberland
Ehrenamtliche Helfer:innen sichern die gefundenen Rehkitze und tragen sie aus der Wiese an den Feldrand.

Eine Falle, die die Kitzrettung Tiroler Oberland nicht so einfach hinnehmen möchte. Mit Wärmebilddrohnen werden die Felder teilweise bereits in den frühen Morgenstunden systematisch abgesucht. „Je weniger Sonneneinstrahlung, desto besser ist der Kontrast“, sagt Heinrich Althaler, der die Initiative vor einigen Jahren startete und 2023 gemeinsam mit Mitstreiter:innen in einen Verein überführte.

„Also wenn du einmal dabei bist und so ein Kitz rausholst – das ist einfach wunderschön.“
Heinrich Althaler

Die Anfänge waren improvisiert: Plastiksäcke sollten Geißen dazu bringen, ihre Kitze aus den Wiesen zu führen. Auch Suchhunde kamen zum Einsatz – mit begrenztem Erfolg. Erst mit der Drohnentechnik wurde die Suche verlässlich.

Der Impuls kam durch eine erste Vorführung, die technisch kaum überzeugte. Die Drohne verlor die Verbindung, die Akkuleistung war unzureichend – ein ausgereiftes System war das nicht. Dennoch entschied sich Althaler, in professionelle Technik zu investieren. „Ich hab grad eine Drohne gekauft um 7000 Euro, wo ich eigentlich nicht weiß, ob das das ist, was wir brauchen“, erinnert er sich. Rückblickend war genau dieser Schritt der Ausgangspunkt für die heutige Arbeit des Vereins.

Ehrenamtlich organisiert

Rund 110 Mitglieder zählt der Verein inzwischen, etwa 30 davon sind als Drohnenpilot:innen aktiv. Insgesamt stehen 16 Drohnen zur Verfügung. In den vergangenen drei Jahren wurden über 700 Rehkitze gesichert. Die Einsätze beginnen oft vor Sonnenaufgang. Ab 3:30 Uhr werden Felder abgeflogen. Wird ein Kitz entdeckt, holen Helfer das Tier von der Wiese und bringen es in eine mit Gras ausgelegte Kiste an den Rand. Nach dem Mähen wird es wieder freigelassen.

„Es ist immer eine Momentaufnahme – nur weil jetzt nichts drin ist, heißt das nicht, dass fünf Minuten später nicht doch wieder ein Kitz drin ist.“
Heinrich Althaler

Entscheidend ist die Zeit. Zu lange dürfen die Tiere nicht von der Mutter getrennt sein. Gleichzeitig ist die Arbeit von kurzfristigen Einsätzen geprägt – viele Landwirt:innen melden sich spontan.

Zwischen Koordination und Realität

Um die Abläufe zu verbessern, wurde gemeinsam mit einer HTL in Innsbruck eine App entwickelt. Sie vernetzt Einsatzleitung, Piloten und Helfer, koordiniert Einsätze und reagiert auf Ausfälle.

© Kitzrettung Tiroler Oberland/ Dream Wild Films
Kitzrettung Tiroler Oberland
Die klein strukturierten Flächen im Tiroler Oberland erschweren die Koordination der Einsätze und erfordern eine enge Abstimmung mit mehreren Betrieben.

Trotzdem bleibt vieles unplanbar. Ein abgeflogenes Feld ist nur eine Momentaufnahme. „Fünf Minuten später kann wieder ein Kitz drin sein“, so Althaler. Auch parallele Anfragen stellen die ehrenamtlichen Strukturen vor Herausforderungen. Gerde, weil die Ehrenamtlichen nicht nur bei der Suche nach Kitzen unterstützen.

Ein Absturz, der alles veränderte

Rückblick: Ein Einsatz vor ein paar Jahren. Das Suchobjekt ist kein Kitz in einem Feld, sondern ein entlaufener Hund. Doch die Witterung spielt nicht mit. Die Sicht ist schlecht, das Gelände unübersichtlich. Dann verschwindet auf Althalers Display plötzlich das Bild. Der Kontakt zur Kamera in der Luft ist abgerissen. Und es kommt noch schlimmer: Die Drohne zerschellt an einem Felsen.

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Kitzrettung Tiroler Oberland
In den ersten Lebenswochen verharren Rehkitze regungslos im Gras – ein Verhalten, das sie vor Fressfeinden schützt, aber beim Mähen zur Gefahr wird.
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Kitzrettung Tiroler Oberland
In den ersten Lebenswochen verharren Rehkitze regungslos im Gras – ein Verhalten, das sie vor Fressfeinden schützt, aber beim Mähen zur Gefahr wird.

Doch, was auf den ersten Blick nach einem Rückschlag aussieht, führt zur entscheidenden Spur. Auf der Suche nach dem abgestürzten Gerät steigt Althaler mit Stirnlampe den Berg hinauf. Zwischen den Bäumen leuchten plötzlich Augen im Lichtkegel auf. Unter einem Baumstamm liegt der gesuchte Hund – verängstigt, aber lebend. Der Fund gelingt, die Drohne ist zerstört. Doch der Einsatz wird zum Wendepunkt. Kurz darauf entsteht der Verein in seiner heutigen Form, erste Spenden ermöglichen den Ausbau.

Wachsende Akzeptanz

Anfangs stieß die Arbeit auf Skepsis. Drohnen galten als Spielerei, die Notwendigkeit wurde gerade von vielen Landwirt:innen hinterfragt. Inzwischen hat sich das Bild gewandelt. Die Einsätze sind für Landwirt:innen kostenlos, finanziert wird alles über Spenden. Auch Aktionen wie „Kitzläufe“ an Schulen tragen zur Finanzierung bei. Gleichzeitig hat sich die Zusammenarbeit mit Jäger:innen und Landwirt:innen verbessert.

© Kitzrettung Tiroler Oberland/ Dream Wild Films
Kitzrettung Tiroler Oberland
Gesicherte Rehkitze werden in mit Gras ausgelegten Kisten am Feldrand untergebracht und nach dem Mähen wieder freigelassen.

Entscheidend für den Erfolg ist die Kommunikation. Nur wenn alle Beteiligten eingebunden sind, funktioniert die Rettung, weiß Althaler: „Du musst einmal schauen, dass du alle ins Boot holst. Du kannst nicht auf Konfrontation gehen. Wenn du auf Konfrontation gehst, verlierst du.“

Engagement mit Grenzen

Trotz der Erfolge bleibt die Herausforderung groß. Die kleinstrukturierte Landwirtschaft erschwert die Koordination. Felder werden zeitversetzt gemäht, Einsätze überlappen sich. Und auch finanziell ist die Arbeit anspruchsvoll: Förderungen der öffentlichen Hand, wie sie Kolleg:innen im benachbarten Deutschland erfahren, bleiben laut Althaler in Österreich aus. 

„Ich bin ja nicht nur ich, der vorne dran steht – es sind über 100 Menschen, die hinter mir stehen und versuchen, in dieser Zeit wirklich alles Mögliche zu tun.“
Heinrich Althaler

Investitionen werden stattdessen privat getragen und sind sehr kostspielig: „Bis ich die Drohne habe, bis ich den Bildschirm habe, bin ich bei zehn, fünfzehntausend Euro“, erklärt Althaler, der laut eigener Aussage in den letzten Jahren selbst rund 50.000 Euro in den Verein und seine Arbeit investiert hat. 

Mehr als nur Kitzrettung

Was bleibt, ist ein eng geknüpftes Netzwerk aus Menschen, die sich ehrenamtlich für die Kitzrettung einsetzen – oft mit bemerkenswertem persönlichem Einsatz. Hinter den Einsätzen stehen nicht nur Drohnen und Technik, sondern vor allem Menschen, die Zeit, Energie und auch eigene Mittel einbringen. „Ich bin ja nicht nur ich, der vorne dran steht – es sind über 100 Menschen, die hinter mir stehen und versuchen, in dieser Zeit wirklich alles Mögliche zu tun“, sagt Heinrich Althaler.

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Drohnen mit Wärmebildkamera helfen dabei, Rehkitze vor dem Mähen in den Wiesen aufzuspüren.
© Kitzrettung Tiroler Oberland/ Dream Wild Films
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In den frühen Morgenstunden sind die Temperaturunterschiede am besten sichtbar – ideale Bedingungen für die Kitzsuche.

Für viele bedeutet das Engagement mehr als gelegentliche Hilfe. Einige nehmen sich während der Hauptsaison bewusst Zeit frei, um im Einsatz zu sein. „Ich habe einen Piloten, der nimmt sich in dieser Zeit einen Monat Urlaub – nur zum Fliegen. Wer macht denn das?“, so Althaler. Dieses Engagement geht weit über das Übliche hinaus. Alles mit einem gemeinsamen Ziel und Motivation: Tierleid zu verhindern, wo es möglich ist. Oder, wie Althaler es formuliert: „Das sind Leute, die haben ein riesiges Herz.“

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