Fjordartige Landschaften, bewaldete Ufer und zahlreiche Buchten: Der Ottensteiner Stausee im Waldviertel ist ein äußerst beliebtes Ausflugsziel unweit von Wien. Wie auch der nicht weniger attraktive Dobra-Stausee befindet er sich in der Region Kampseen, die gerne von schwimmenden, wandernden, radfahrenden oder waldbadenden Menschen ihrer Schönheit wegen aufgesucht wird. In seiner Naturbelassenheit bietet die Region die besten Voraussetzungen, neben den Donau-Auen und dem Thayatal zum dritten Nationalpark Niederösterreichs zu werden. Das ist zumindest der Plan des Landes Niederösterreich. Ein Mammutprojekt, das nicht nur Biodiversität fördern und Natur bewahren soll, sondern auch die lokale Produktion von Lebensmitteln als wesentlichen Aspekt mitdenkt, wie Markus Reichenvater, Forstdirektor des Gut Ottenstein, sagt.
„Wir haben uns auf die Karpfenproduktion spezialisiert.“
Das Gut Ottenstein wiederum ist ein Betrieb der Windhag-Stipendienstiftung für Niederösterreich. Eine gemeinnützige Stiftung mit viel Geschichte: Sie wurde im 17. Jahrhundert gegründet, um bedürftigen Schüler:innen und Studierenden Bildung in Form von Stipendien zu ermöglichen. Was sie auch nach 350 Jahren noch tut. Seit vielen Jahren wird hier, neben naheliegenden touristischen Aktivitäten wie der Vermietung von Seehäusern, auch biologische Land-, Forst- und Teichwirtschaft sowie Jagd betrieben. „Die Teichanlagen gibt es seit Jahrhunderten. Wir haben uns auf die Karpfen-Produktion spezialisiert“, sagt Reichenvater. Das Futter für die Fische – unterschiedliche Getreidearten – baut das Gut ebenso selbst auf den Flächen rund um die Gewässer an, die sich zur landwirtschaftlichen Nutzung geradezu anbieten. „So entsteht ein schöner Kreislauf.“
„Die Wetterkapriolen haben großen Einfluss auf die Teichwirtschaft. Sie zählen derzeit zu unseren größten Herausforderungen.“
Der Karpfen und seine natürlichen Feinde
Der Waldviertler Karpfen ist ein Paradebeispiel für nachhaltige Fischzucht. Er wird langsam aufgezogen, was sich positiv auf die Konsistenz des Fleisches auswirkt. Schön fest, fettarm und zart wird es dann. „Es handelt sich um ein uraltes Handwerk, das sich kaum verändert hat – außer, dass heute statt eines Pferdefuhrwerks ein LKW zum Einsatz kommt, wenn es um den Transport geht“, sagt Reichenvater. Weil sich alles draußen abspielt, ist man den Launen der Natur und Wetterextremen in hohem Maß ausgeliefert. „Die Wetterkapriolen haben großen Einfluss auf die Teichwirtschaft. Sie zählen derzeit zu unseren größten Herausforderungen.“ Die Fische werden das ganze Jahr über gezüchtet. Wenn die Teiche der Kälte wegen aber frieren oder das Wasser aufgrund von Hitze zu warm wird, wird ein Eingreifen in die Anlagen unmöglich.
Und dann gibt es noch die Prädatoren, also die natürlichen Feinde der Fische: Fischotter, Fischreiher und Kormorane, die wie die Geier die Phase des Abfischens herbeisehnen, wenn das Wasser abgelassen wird. „Der Teich wird dann zu einem angerichteten Buffet für die Fischräuber. Wenn man bedenkt, dass ein Reiher ein halbes bis ganzes Kilo Fleisch pro Tag frisst, kann man davon ausgehen, dass fünfzig oder sechzig Exemplare ein Einflussfaktor sind.“ Ein Fischotter im Blutrausch jagt auch nicht nur das, was er fressen kann. Er töte einfach, so Reichenvater. Der Biber kann ebenso zum Problem werden, wenn er die Zuläufe aufstaut und kein Wasser mehr in die Teiche fließen kann. „Da bedarf es behutsamer Maßnahmen“, sagt Reichenvater.
Neben dem Waldviertler Karpfen aus den Teichen und einigen aus den beiden Stauseen geangelten Fischen (Wels, Flussbarsch, Zander, Hecht & Co), die in Direktvermarktung und durch eine Kooperation mit Slowfood und diversen Genussläden unter die Leute gebracht werden, vertreibt das Gut auch noch in unregelmäßigen Abständen, weil saisonalen Bedingungen unterworfen, Wild. Alle Bereiche – von Teichwirtschaft und Stauseefischen über Forstwirtschaft und Jagd bis zum Tourismus – greifen hier ineinander. Sie sind in Sachen Nachhaltigkeit und Naturschutz auf Langfristigkeit ausgelegt. So wie es auch die Grundidee der Stiftung war – die immerhin hunderte Jahre lang erhalten blieb.