„Sauber wie die aufgeräumte Schulbank im Klassenzimmer der Kindheit duftet er jugendlich, zart nach Mandeln, Weichseln und würzig wie Pfefferkuchen, Zimt, und gibt sich doch schon erwachsen, zeigt rauchig, steinig, Kiesel im Regen, nicht gleich sein ganzes Gesicht.“ Mit diesen Worten beschreiben Marion Vera Forster und Alexander Reza Tavakoli ihren Blaufränkisch von der Mörbischer Ried Wieser.

Wer einen Wein so zu beschreiben weiß, der versteht etwas vom Wein, von der Sprache und von der Natur. Marion und Alexander verstehen zudem auch etwas vom Leben, deshalb haben sie 2021 in Mörbisch ein Weingut gegründet.
„Im Hinzufügen besteht die Abweichung vom Wein, nicht im Weglassen.“
Sie nennen es Fisch und Vogel, was eine Anspielung auf die Mörbischer Wappentiere ist, aber auch ihre persönliche Bindung zur Natur und deren Vielfalt verdeutlichen mag: „Inspiriert vom Gedankenspiel einer Vermählung wilder Gegensätze steht unser Name für gelebten Respekt im gemeinsamen Lebensraum.“
Und mit eben diesem Respekt machen sie ihren Wein: biologisch angebaut, handgelesen, spontanvergoren, ungefiltert, ungeschönt. Man könnte auch „Naturwein“ dazu sagen, aber: „Für uns ist es einfach Wein“, sagt Marion. „Ich finde es ein bisschen albern, immer betonen zu müssen, dass wir unseren Weinen nichts hinzufügen. Natürlich machen wir das nicht. Sinnvoller fände ich es, wenn die, die ihren Weinen Zusatzstoffe zumuten, das auch deklarieren. Im Hinzufügen besteht die Abweichung vom Wein, nicht im Weglassen.“

Mehr Mensch, weniger Chemie
Trotzdem begreifen Marion und Alexander das Weinmachen nicht als bloßes Laissez-faire. Der Mensch verschwindet ja nicht, nur weil er sich mit Kellereitechnik und Chemie zurückhält. „Weinmachen ist immer ein Dialog mit der Natur. Man ist als Winzer oder Winzerin eben auch Kulturschaffender“, sagt Alexander: „Man muss sehr konzentriert arbeiten, wenn man den natürlichen Prozessen im Wein ihren Lauf lassen will.“
„Für uns war es eine logische Entwicklung“
Der Quereinstieg ins Weinleben war für Marion und Alexander, die auch als Schriftstellerin und Architekt tätig sind, „einerseits eine sehr, sehr klare, aber von außen betrachtet vielleicht doch recht plötzliche Entscheidung. Für uns war es aber eine logische Entwicklung. Wir haben uns aus unseren früheren Lebenskontexten herausgelöst und nach einer Lebensweise gesucht, die uns beide gleichermaßen fordert und die es uns ermöglicht, in diesem Leben, kitschig gesagt: alles gemeinsam zu machen und zu denken.“

Das tun sie nun, mitten im Herzen von Mörbisch, in einem alten Hof, den Alexander sehr behutsam und komplett nachhaltig renoviert hat. Hier betreiben die beiden ihr „Mikroweingut“, nicht viel mehr als 2000 Flaschen produzieren sie pro Jahrgang, das bedarf keiner großen technischen Hilfsmittel. „Unsere Weine entstehen in Manufaktur. Sie sind für uns Lebensmittel, Naturkunstwerk, Gedankengut. Kostbare Interpretationen unserer Art, die Welt wahrzunehmen“, formuliert es Marion.
„Wenn uns die Tiere nicht fürchten, sind wir auf dem richtigen Weg.“
Ihren Ursprung haben diese Weine freilich weiter draußen, im Weingarten nämlich. Zurück zur Natur also, zur Ried Wieser. Marion und Alexander nennen ihren Weingarten auch „Le Grand Bleu“ – das große Blau zwischen Himmel und Wasser. „Es ist ein halber Hektar, sieben Rebzeilen, und das ist im Grunde auch schon die Hälfte unserer gesamten Weinbaufläche. Aber es hat eine Größe, in der man sich auch verlieren kann, wenn man darin arbeitet.“ Die Arbeit wird, gemeinsam, nur mit der Hand und mit der nötigen Zurückhaltung verrichtet. Es gilt die Leitlinie: „Wenn uns die Tiere nicht fürchten, sind wir auf dem richtigen Weg.“

Offen für Neues
Neben ihrem „Grand Bleu“ haben Marion und Alexander auch noch zwei Parzellen in der Ried Haderwald, ein paar Meter südlich. Auch hier hat man den Neusiedlersee voll im Blick, im Fokus stehen allerdings zwei PiWi-Sorten – also pilzwiderständige Neuzüchtungen: „Wir haben uns hier auf Pinot Nova und Donauriesling konzentriert, und wir wachsen mit diesen neuen Weingärten mit. Wir lernen und erfahren.“ Jeder Jahrgang wird hier zu einem Experiment, am Ende können – je nach Lesezeitpunkt, Ausbau und Reifung – gehaltvolle Orangeweine stehen oder frische, mineralische Weißweine.

„Mit diesen jungen Weingärten loten wir das Spektrum der Möglichkeiten im Keller aus“, sagt Marion: „Wir wollen uns da noch gar nicht auf einen bestimmten Stil festlegen. Die Gärten sind noch so jung, und wir sind mit den Sorten auch noch so jung.“ Vor allem der Pinot Nova, eine Neuzüchtung aus Klosterneuburg, hat es den beiden angetan: „Das ist ein ganz spannendes, noch ungezähmtes Workhorse. Manchmal sind wir ganz erstaunt, was er uns abverlangt. Manchmal hadern wir auch mit ihm. Aber er darf uns gern noch eine ganze Weile überraschen und tun, was er so tut, wenn man ihn tun lässt.“ Tun und tun lassen: Am Weingut Fisch und Vogel verstehen sie halt was vom Leben.


















