Der Weinbau steht an einem Wendepunkt. Extreme Wetterereignisse, steigender Krankheitsdruck und gesellschaftliche Erwartungen an Nachhaltigkeit zwingen Winzerinnen und Winzer zu neuen Strategien. Eine Antwort darauf tragen schon heute viele junge Rebstöcke in sich: PIWI – PIlzWIderstandsfähige Reben. Was lange als Nischenthema galt, gewinnt zunehmend an Gewicht. Österreich – mit seinen humiden, also niederschlagsreichen, Regionen und teils steilen Lagen bietet dafür günstige Voraussetzungen.
Was PIWI-Rebsorten von klassischen Sorten unterscheidet
Pilzliche Schaderreger wie Echter und Falscher Mehltau kamen bereits im 19. Jahrhundert nach Europa und machten den traditionellen europäischen Rebsorten schwer zu schaffen. Die Folge: hoher Pflanzenschutzbedarf, oft sechs bis zehn Spritzungen pro Jahr – selbst im Bio-Weinbau. PIWI-Sorten, aus gezielten Kreuzungen europäischer und pilzresistenter Wildreben hervorgegangen, benötigen laut Deutschem Weininstitut bis zu 80 Prozent weniger Pflanzenschutzmaßnahmen. Das schont Böden, Wasser und Winzer:innen – und öffnet neue ökologische Perspektiven.
„Wir haben dort bis dato noch keinen Pflanzenschutz betrieben.“
Dass diese Zahlen keine graue Theorie sind, zeigt die Praxis von Winzern wie Viktor Fischer aus Niederösterreich. In der Lage Hennerin, rund fünf Kilometer vom Haupthof des Bio-Weinguts in Traismauer entfernt, bewirtschaftet er eine PIWI-Fläche seit 2017 radikal: „Wir haben dort bis dato noch keinen Pflanzenschutz betrieben“, so Fischer. Neben dem ökologischen Aspekt spielt für ihn die Wirtschaftlichkeit eine tragende Rolle: Durch die Robustheit der dort ausgepflanzten Rebsorte Muscaris spart er wertvolle Arbeitszeit und „Traktorstunden“ – ein entscheidender Faktor bei weit entlegenen Weingärten.

„Wir brauchen robuste, klimaangepasste Reben, vor allem pilzwiderstandsfähige Sorten.“
Besonders in Österreich zeigt sich der Nutzen: In niederschlagsreichen Regionen wie der Steiermark oder im Südburgenland steigt das Risiko für Pilzbefall deutlich. Die Österreich Weinmarketing (ÖWM) betont, dass hier „die Spritzdurchgänge um zwei Drittel reduziert werden“ können – ein massiver Vorteil in Steillagen, in denen jede Überfahrt mühsam und gefährlich ist.
Welche PIWI-Sorten sind in Österreich als Qualitätswein-Rebsorten zugelassen?
In Österreich sind inzwischen 14 Rebsorten als Qualitätswein-Rebsorten zugelassen und werden auf insgesamt 883 Hektar angebaut. Hier alle Rebsorten im Überblick: Roesler, Blütenmuskateller, Muscaris, Donauriesling, Souvigner Gris, Donauveltliner, Cathay, Cabernet Blanc, Cabernet Jura, Pinot Nova, Bronner, Solaris, Johanniter und Regent.
Schmecken PIWI-Weine genauso gut wie klassische Sorten?
Zu den bekanntesten Stimmen für PIWI zählt Karl Schefer, Gründer des Schweizer Bio-Pioniers Delinat. Für ihn steht fest, dass nachhaltiger Weinbau nur mit robusten, klimaangepassten Reben funktionieren kann. „Wir brauchen robuste, klimaangepasste Reben, vor allem pilzwiderstandsfähige Sorten“, sagt er. Diese Reben seien „deutlich resistenter gegen Mehltau und andere Krankheiten, vertragen Trockenheit und Frost besser, und sie brauchen kaum Pflanzenschutz“. Der Effekt: weniger Arbeit, weniger Eingriffe, mehr Biodiversität.
„Geschmacklich ist die PIWI-Rebe in den Köpfen der Menschen noch nicht ganz angekommen, sie hat die herkömmlichen Sorten noch nicht abgelöst.“

Dass PIWI früher geschmacklich belächelt wurden, lässt Schefer nicht gelten: „Die Zeiten, in denen PIWI geschmacklich hinterherhinkten, sind vorbei. In Blindverkostungen liegen sie oft vorne.“ Differenzierter betrachtet Viktor Fischer die PIWI: Er sieht sie eher als eigenständige Kategorie – nicht als Ersatz für Klassiker wie den Grünen Veltliner. „Geschmacklich ist die PIWI-Rebe in den Köpfen der Menschen noch nicht ganz angekommen, sie hat die herkömmlichen Sorten noch nicht abgelöst“, teilt der Winzer seine Erfahrungen.
Für ihn liegt die Stärke der Reben deshalb aktuell in Produkten, die ohnehin ein neues Geschmacksbild fordern – etwa hochwertige Traubsäfte oder Verjus, die bei ihm so gefragt sind, dass er für den aktuellen Jahrgang die komplette Muscaris-Ernte hierfür verwendete. „Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Bei Produkten wie alkoholfreien Aperitifs ist man offener für neue Wege“, so Fischer.
Wie verbreitet sind PIWI-Rebsorten in Österreich und Europa?
Aber wie groß ist die PIWI-Bubble in Österreich überhaupt? Mit 883 Hektar decken PIWI-Sorten knapp 2 Prozent der österreichischen Rebfläche ab, Tendenz steigend. Besonders stark vertreten sind Roesler, Blütenmuskateller, Muscaris, Donauriesling und Souvignier Gris. Viele dieser Sorten erinnern aromatisch an vertraute Klassiker: Donauveltliner an Grünen Veltliner, Donauriesling an Riesling, Souvignier Gris an Grauburgunder – auch wenn die Meinungen hier, wie oben erwähnt, stark auseinandergehen.
Auch in Deutschland gewinnen PIWI-Sorten an Boden. Sorten wie Regent, Solaris oder Cabernet Blanc gewinnen an Profil und verbreiten sich dynamisch.

Apropos Dynamik: Lange waren PIWI in vielen g.U.-Gebieten nicht zugelassen. Seit 2021 ermöglicht die EU jedoch ihre Integration in geschützte Herkunftsbezeichnungen – ein entscheidender Schritt, der den Sorten Zugang zu qualitätsorientierten Märkten eröffnet. Die Entscheidung über eine Zulassung liegt dabei weiterhin bei den regionalen Behörden, weshalb die Entwicklung regional unterschiedlich schnell verläuft.
Herausforderungen der Zukunft
Ist der Weinbau damit gerettet? Nicht ganz. Auch PIWI sind nicht völlig immun. Die ÖWM weist darauf hin, dass Pilzpopulationen sich anpassen und Resistenzen unterlaufen können. Moderne Züchtungen arbeiten daher zunehmend mit mehreren Resistenzmechanismen. Und zumindest Beispiele wie die von Viktor Fischer zeigen, dass eine Bewirtschaftung ganz ohne Pflanzenschutz im Einzelfall sogar über Jahre möglich ist.
Gleichzeitig verändert der Klimawandel die Reifekurven. PIWI-Züchtungen nutzen diese Dynamik und selektieren gezielt spätere Reife oder bessere Toleranz gegenüber Hitze und Trockenheit, wie es das Deutsche Weininstitut betont.
Vom Experiment zur Notwendigkeit
Also sind PIWI jetzt die Zukunft des Weins? Zumindest Karl Schefer beantwortet diese Frage ohne Zögern: „Absolut.“ Und vieles spricht dafür. Nicht als Ersatz für Riesling, Grünen Veltliner oder Blaufränkisch – sondern als wichtige Ergänzung, die klimatische Risiken abfedert und nachhaltigen Weinbau ermöglicht. Auch Österreichs Zielmarke von fünf Prozent PIWI-Fläche bis 2032 wirkt realistisch.
Fünf Prozent, kein Allheilmittel, aber ein Baustein einer neuen Weinbauphilosophie: ressourcenschonend, vielfältig, resilient.
















