Bauernprotest Wien 2026: „Wir stehen mit dem Rücken zur Wand“

Bio-Bauer Georg Prantl über unfaire Wettbewerbsbedingungen, Mercosur und warum er am 1. April in Wien auf die Straße geht.
Bauernprotest 2026 Parndorf
© Georg Prantl

Am 10. Jänner dieses Jahres versammelten sich 95 Traktoren in Parndorf. Um 9 Uhr früh. Der Konvoi fuhr zwischen Neusiedl am See und Parndorf, machte beim Outlet-Center halt, die Abschlusskundgebung dauerte bis in den frühen Nachmittag. Laut Polizei gab es keine Zwischenfälle, keine nennenswerten Verkehrsbehinderungen. Was es gab: Daumen hoch aus den Autofenstern, Solidarität aus der Bevölkerung, eine Stimmung, die uns beflügelte und bestätigte, dass wir das Richtige tun. Wir waren unter uns, eine regionale Truppe aus dem Burgenland, ohne Parteifahnen, ohne Verbandslogos. Drei Landwirte hatten das spontan organisiert, um aufzuzeigen, dass es so nicht weitergehen kann. Aus dieser Energie entstand das Bündnis Zukunft Landwirtschaft.

© Georg Prantl
Bauernprotest 2026 Parndorf
Demo in Parndorf
© Georg Prantl
Bauernprotest 2026 Parndorf

Was ist das Bündnis Zukunft Landwirtschaft? Das Bündnis wurde von Landwirt:innen aus dem Burgenland gegründet und ist parteipolitisch unabhängig. Im Jänner 2026 organisierte das Bündnis in Parndorf den ersten Protest gegen das Mercosur-Abkommen.

Jetzt wollen wir in Wien ganz Österreich wachrütteln. Und das muss ohne Einfärbung passieren – keine Partei, kein Verband, keine Bewegung darf sich diesen Protest auf die Fahnen heften. Wer ihn vereinnahmt, hat ihn nicht verstanden. Dieser Impuls kommt aus der Basis und gehört der Basis. Das Ziel ist ein Schulterschluss zwischen den Stakeholder:innen mit mehr Impact.

Was wir am 1. April fordern, sind drei Dinge, hinter denen sich Menschen über alle politischen Farben hinweg versammeln können: faire Wettbewerbsbedingungen, Herkunftskennzeichnung, mehr Wertschätzung – und weniger Bürokratie dort, wo sie lähmt, ohne zu nützen.

Herkunftskennzeichnung – warum gibt es sie noch nicht? Eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung würde bedeuten: Auf jedem Lebensmittel und jeder Speisekarte muss klar stehen, woher die Zutaten stammen. Die Forderung ist nicht neu – sie liegt seit über 25 Jahren auf dem Tisch. Umgesetzt wurde sie nie, weil Handelsinteressen und Umsetzungsaufwand dagegen angeführt werden. Dabei wären die Daten in den meisten Fällen ohnehin vorhanden – es fehlt der politische Wille, sie verpflichtend sichtbar zu machen.

© Georg Prantl
Bauernprotest 2026 Parndorf

Ich bin Quereinsteiger. Ich habe Sportmanagement studiert, bin 2011 in die Landwirtschaft meiner Frau eingestiegen – und habe seitdem alles hinterfragt. Wie man Rinder hält. Was Boden wirklich braucht. Und warum standortangepasste Kreislaufwirtschaft das Einzige ist, was wir der nächsten Generation ehrlich schulden.

Meine Aubrac-Rinder fressen ausschließlich Gras, von der Geburt bis zur Schlachtung. „It’s not the cow, it’s the how“:

Meine Abnehmer:innen wollen wissen, woher das Fleisch kommt und wie es gehalten wurde. Genau das wird für Konsument:innen im Regal und im Lokal immer schwerer nachvollziehbar, weil eine verpflichtende, lückenlose und klare Kennzeichnung fehlt.
Georg Prantl
© Georg Prantl
Georg Prantl King Beef

Das Mercosur-Abkommen macht das noch komplizierter. Österreich hat grundsätzlich das Potenzial zur Selbstversorgung – aber nur, wenn die landwirtschaftlichen Strukturen und die dezentralen Verarbeitungsbetriebe erhalten bleiben. Wenn diese unter den Druck des globalen Wettbewerbs geraten und zunehmend verschwinden, verlieren wir Schritt für Schritt eine wichtige Grundlage unserer Versorgungssicherheit. Mit Versorgungssicherheit scherzt man nicht. Heute ist die Straße von Hormus blockiert – und morgen könnte, wenn Österreich stärker von importierten landwirtschaftlichen Rohstoffen abhängig ist, sinnbildlich eine „Straße von Mercosur“ geschlossen werden.

© Georg Prantl
Bauernprotest 2026 Parndorf

Was mich dabei am meisten beschäftigt: Wenn Familienbetriebe wie meiner wegbrechen, kommen keine Naturschützer:innen, die die Ärmel hochkrempeln und übernehmen. Es kommen fremdfinanzierte Strukturen, bei denen kurzfristige Rendite im Vordergrund steht. Das Wissen darüber, wie man Böden liest, wie man eine Landschaft bewirtschaftet, ohne sie zu verbrauchen, wie man Tiere artgerecht im Einklang mit der Natur hält – das wächst über Jahrzehnte und ist nicht einfach zu ersetzen.

Ich verstehe mich als Systemerhalter. Das klingt groß, aber der Grund ist schlicht: Ohne Bäuerinnen und Bauern gibt es keine regionale Lebensmittelproduktion, und ohne die verlieren am Ende alle – vor allem in Krisenzeiten.
Georg Prantl

Was mich trotzdem aufstehen lässt: Viele Gastronominnen und Gastronomen stehen hinter diesem Protest. Der Schulterschluss, den wir suchen, geht vom Feld bis auf den Teller. Herkunftskennzeichnung ist für sie kein bürokratisches Hindernis, sondern ein Verkaufsargument. Die Daten sind ohnehin vorhanden – es braucht nur einen zugänglichen Weg, sie sichtbar zu machen, und den Stolz, das auch zu tun.

Am 1. April wird man dem Traktorenkonvoi anmerken, dass der Kochtopf überkocht. Das soll so sein. Aber wir haben Richtlinien für unsere Fahrzeuge, wir begegnen allen mit Respekt, und wir bleiben im Rahmen der Gesetze. Was in Parndorf funktioniert hat, soll auch am Ring funktionieren.

Ich denke in Generationen. Ich habe diesen Betrieb nicht aufgebaut, um ihn an einen Markt zu verlieren, der andere Regeln spielt. Wenn Betriebe wie unserer verschwinden, verschwindet etwas, das sich nur schwer wiederherstellen lässt. Wir gehen auf die Straße, weil wir genau das verhindern wollen.

Georg Prantl King Beef

Georg Prantl

Georg Prantl betreibt Prantl King Beef in Neudorf im Nordburgenland – einen Bio-Betrieb mit Aubrac-Rindern in reiner Weidehaltung. Er ist Gaumen Hoch-Mitglied und Teil der Naturschutzprojekte am Hundsheimer Berg und Spitzerberg.

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