Am 1. April gingen Bäuerinnen und Bauern in Wien auf die Straße. Vom Landwirtschaftsministerium am Stubenring bis zum Parlament, begleitet von Traktoren, unter dem Motto „Mit den Bauern scherzt man nicht“ – bewusst auf das Datum gemünzt. Organisiert hat den Protestzug das Bündnis Zukunft Landwirtschaft, eine überparteiliche Initiative burgenländischer Landwirt:innen, die im Jänner 2026 bereits in Parndorf und entlang der Route nach Neusiedl am See mit über hundert Traktoren gegen das Mercosur-Abkommen demonstriert hatte. Diesmal sollte die Botschaft Wien erreichen – und laut den Organisator:innen nicht nur Bäuerinnen und Bauern, sondern auch Konsument:innen ansprechen.
Was das Bündnis konkret fordert
Das Bündnis formuliert drei konkrete Forderungen:
- eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung bei Lebensmitteln in allen Bereichen ohne Ausnahmen,
- ein klares Signal gegen das Mercosur-Abkommen sowie
- weniger Bürokratie für landwirtschaftliche Betriebe.
Die Herkunftskennzeichnung liegt seit über 25 Jahren auf dem Tisch verschiedener Regierungen, verbindliche Regelungen wurden bislang nicht umgesetzt. In einer Presseaussendung zum Protestzug geht das Bündnis deutlich über die drei kommunizierten Kernforderungen hinaus. Besonders scharf ist die Kritik an der Steuerpolitik: Die angekündigte Mehrwertsteuersenkung auf bestimmte Lebensmittel um 5 Prozent ab Juli bezeichnet das Bündnis als Mogelpackung. Die Rechnung, die präsentiert wird: Konsument:innen sparen 1,5 Cent, der Staat behalte 1,5 Cent – bei Bäuer:innen komme 1 Cent an. Die Forderung lautet daher, dass Steuererleichterungen 1:1 an die Produzent:innen weitergegeben werden müssen.
Hinzu kommt die Forderung nach einem vollen Inflationsausgleich der letzten drei Jahre – rund 25 Prozent aus Bundesmitteln. Bis zu 50 Prozent der bäuerlichen Einkommen stammen bereits aus öffentlichen Förderungen, weil der Marktpreis für Lebensmittel politisch niedrig gehalten werde.
Das Bündnis richtet sich auch direkt an einzelne Ministerien: Sozialministerin Schuhmann wird gefragt, ob es nicht in ihrem Interesse als Konsument:innenschutzministerin sei, höchste Lebensmittelqualität sicherzustellen. Der Wirtschaftsminister wird nach einem konkreten Gegenangebot für heimische Betriebe im globalen Freihandel gefragt. Beim Mercosur-Abkommen benennt das Bündnis explizit, was auf dem Spiel steht: In den Herkunftsländern sind hormonbehandeltes Fleisch, gentechnisch veränderte Pflanzen und in der EU längst verbotene Pestizide weiterhin Standard.
Kritik übt das Bündnis auch an bestehenden Qualitätssiegeln: Das AMA-Gütesiegel und ähnliche Auszeichnungen müssten zu 100 Prozent österreichisch und bäuerlich sein – Bilanzierungsrechnungen, die einen bestimmten Anteil über ein Jahr hinweg mitteln, zerstörten das Vertrauen der Konsument:innen.
Ein zentrales Anliegen ist schließlich die Unabhängigkeit des Protests selbst: Keine Partei, kein Verband und keine Bewegung dürfe sich diesen Protest auf die Fahnen heften. Die Initiative komme aus der Basis – und gehöre der Basis.
Was hinter Mercosur steckt
Das Handelsabkommen zwischen der EU und den südamerikanischen Mercosur-Staaten Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay beschäftigt die europäische Landwirtschaft seit Jahrzehnten. In den Herkunftsländern sind Produktionsmethoden erlaubt, die in der EU verboten sind – darunter bestimmte Pestizide, großflächige Rodungen und Tierhaltungsformen, die mit österreichischen Standards unvereinbar sind. Produkte, die unter diesen Bedingungen erzeugt werden, könnten zu deutlich niedrigeren Preisen auf den europäischen Markt kommen. Für Betriebe, die höhere Standards einhalten, verschlechtert sich damit die Wettbewerbssituation.
Österreich hat das Abkommen gemeinsam mit Frankreich, Polen, Irland und Belgien abgelehnt. Diese Länder bilden zusammen mehr als ein Drittel der EU-Bevölkerung – genug, um eine Sperrminorität zu stellen. Frankreich hat dabei die lauteste Opposition organisiert: Im Dezember 2025 blockierten rund 7.000 Bäuerinnen und Bauern die Straßen rund um das Europäische Parlament in Brüssel, als die EU-Staats- und Regierungschefs zum Gipfel zusammentrafen. Amerikanische Medien wie PBS und Reuters berichteten ausführlich über die Proteste, was zeigt, dass die Debatte längst über Europa hinausgeht.
Auch die Landwirtschaftskammer Burgenland warnte zuletzt, dass das EU-Budget für die Gemeinsame Agrarpolitik gleichzeitig um 20 Prozent gekürzt werden soll – während die Verteidigungsausgaben deutlich steigen. LK-Präsident Nikolaus Berlakovich, der auch Vizepräsident des EU-Bauernverbandes Copa ist, verwies dabei auf eine der größten Bäuer:innendemonstration der jüngeren Geschichte, die Copa in Brüssel organisiert hatte.
Entbürokratisierung – aber welche?
Die Forderung nach weniger Bürokratie findet breite Zustimmung, ist aber erklärungsbedürftig. Administrative Auflagen belasten Klein- und Mittelbetriebe oft unverhältnismäßig. Gleichzeitig sichern bestimmte Standards jene Qualität, für die österreichische Betriebe auf dem Markt stehen. Wo die Grenze zwischen sinnvoller Vereinfachung und dem Abbau von Schutzstandards verläuft, darüber gehen die Meinungen auseinander.
Die Herkunftskennzeichnung fällt in der Debatte in eine eigene Kategorie. Sie ist eine Voraussetzung dafür, dass Konsument:innen überhaupt eine informierte Kaufentscheidung treffen können – und wird vom Bündnis entsprechend priorisiert.
Die Gastronomie: ähnliche Lage, andere Perspektive
Was beim Bäuer:innenprotest wenig Raum bekommt, ist die Situation der Gastronomie – dabei beschreiben beide Branchen ähnliche Drucklagen. Steigende Lohnnebenkosten, höhere Lebensmittelpreise und bürokratische Belastungen machen auch Gastronomiebetrieben zu schaffen. Die Kalkulation funktioniert auf beiden Seiten der Lieferkette zunehmend schlechter: Produzent:innen erzielen zu niedrige Preise, Gastronomiebetriebe können höhere Einkaufskosten nur begrenzt weitergeben, ohne Gäste zu verlieren.
Eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung auf der Speisekarte würde für viele Gastronomiebetriebe bedeuten, teurere Zutaten ausweisen zu müssen – mit entsprechenden Konsequenzen für die Preisgestaltung. Wie sich Qualitätsanspruch, faire Erzeugerpreise und leistbare Gastronomie gleichzeitig realisieren lassen, ist eine offene Frage, auf die beide Branchen bislang keine gemeinsame Antwort gefunden haben.
Reaktionen aus der Politik
Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig hat die Forderungen des Bündnisses öffentlich als „völlig berechtigt“ bezeichnet und die Organisatoren noch vor dem Protesttag im Ministerium empfangen. In einer Presseaussendung betonte er, dass die Geschlossenheit der Landwirtschaft politisches Gewicht erzeugt: Der Protest stärke die Dringlichkeit mit Blick auf die kommenden Budgetverhandlungen.
Totschnig benennt dabei zwei konkrete Forderungen, die über die drei Kernpunkte des Bündnisses hinausgehen.
- 1. Einen Energiekostenausgleich für landwirtschaftliche Betriebe. Österreich zählt zu den nur vier EU-Ländern, die bislang über kein Entlastungsmodell für Agrardiesel verfügen – der Treibstoffpreis für Bäuerinnen und Bauern ist der zweithöchste in der Union.
- 2. Ein temporäres Aussetzen der CO2-Grenzsteuer auf Düngemittel. Diese Forderung hatte Totschnig bereits im Jänner 2026 im EU-Agrarrat eingebracht; 19 Mitgliedsstaaten sprachen sich dafür aus. Hintergrund ist auch der anhaltende Iran-Krieg: Ein Drittel der weltweit exportierten Düngemittel wird über die Straße von Hormuz transportiert, was die Versorgungslage und die Preise zusätzlich unter Druck setzt.
Zur Herkunftskennzeichnung nimmt Totschnig explizit die EU-Kommission in die Pflicht: Diese sei „schon zu lange säumig“ und müsse endlich einen konkreten Vorschlag vorlegen. Es ist eine bemerkenswerte Positionierung – der Minister begrüßt den Protest, der sich unter anderem gegen politische Untätigkeit richtet, und verweist gleichzeitig auf eine übergeordnete Ebene, die er selbst nicht direkt steuern kann.
Der Protestzug fand am 1. April ab 13 Uhr statt, Treffpunkt Stubenring 1, Ziel Parlament.


















