Hof mitfinanzieren, Ernteanteil bekommen, Vielfalt ermöglichen

Kulinarikjournalistin Katharina Seiser ist seit 15 Jahren Mitglied bei Österreichs erster Solidarischer Landwirtschaft. Wie das ihr Denken über Essen grundlegend veränderte.
von Katharina Seiser
Seiser über Gemüsekiste aus Solidarischer Landwirtschaft
© Gaumen Hoch

Sommer 2010. Vor wenigen Jahren waren wir aus Ottakring in die Leopoldstadt gezogen. Und hatten mit dem Bio-Gärtnerhof Ochsenherz samstags auf dem Karmelitermarkt endlich Gemüse gefunden, das ich jeden Tag essen wollte. Ich war 2001 aus Salzburg nach Wien gekommen, verwöhnt vom Schrannenbesuch jeden Donnerstag, dem schönsten und größten Bauernmarkt des Landes. In Wien gab und gibt es so einen Markt nicht. Aber Peter Laßnig von Ochsenherz baute Gemüse so an, dass es die reinste Freude war, es kaufen zu können.

Früh aufstehen am Samstag war Pflicht, sonst waren die zarten Mixed Greens und ungewöhnlichen Salate längst weg. Gegen Ende jenes Sommers wurden am Ochsenherz-Stand Flyer ausgeteilt: Wer weiter das Gemüse beziehen wolle, müsse – ganzjährig – Mitglied werden. Ochsenherz wolle anders, besser wirtschaften und würde dafür den ersten CSA-Betrieb Österreichs gründen. CSA steht für „Community Supported Agriculture“, auf Deutsch wurde SoLaWi „Solidarische Landwirtschaft“ daraus. Es gäbe jede Woche einen Ernteanteil mit biodynamisch angebautem Gemüse ausschließlich von diesem einen Hof.

„Wir teilen bei Oxi seit 15 Jahren Produkte, um die uns die Generation Instagram beneidet.“
Katharina Seiser

Mir stellte es alle Vereinsmeiereihaare auf, mein Mann hatte Sorge vor mangelnder Flexibilität, aber wir wussten sehr bald: Würden wir dieses außergewöhnliche Gemüse – dutzende Arten, noch mehr Sorten, eine sensorische Qualität, die damals niemand anderer liefern konnte – weiterhin essen wollen, müssten wir mitmachen.

Wir finanzieren den Betrieb

Frühling 2025. Wir sind nun das 15. Jahr in Folge Ernteteiler:innen bei GeLa „Gemeinsam Landwirtschaften“ Ochsenherz. Gerade hatten wir unsere Jahresversammlung, bei der alle Details des Erntejahrs kommuniziert werden, auch finanziell, auf den Euro genau. Wir Mitglieder bezahlen nicht Gemüse anhand von Kilopreisen, sondern finanzieren den gesamten Betrieb. Dafür bekommen wir jede Woche – 50 Mal im Jahr – einen Ernteanteil, abzuholen freitags bei unserem Stand am Naschmarkt.

Über die Jahre haben wir gelernt, wann welche Kultur wirklich Saison hat, welche Sorten Karotten, Kürbis oder Kräuter am besten schmecken, zig neue Sorten und Arten kennengelernt (Cardy! Puntarelle! German-Gold- und Black-Cherry-Para- deiser! Schwarzkohl! Wassermelonenrettich! Klettenwurzeln! Spargelsalat! Okraschoten! Favabohnen!), die es in dieser Qualität aus österreichischem Bio-Anbau so gut wie nie zu kaufen gibt.

Wir packen unsere erdige „Oxi“-Tasche – es ist eine textile aus einem französischen Supermarkt, seit mindestens einem Jahrzehnt im Einsatz – mit den Herrlichkeiten voll, machen zu Hause Kühlschrank-Tetris (was die Küchengerätehersteller:innen für die Ernährungswende tun müssten, ist eine andere Geschichte) und kochen seit 15 Jahren komplett anders als zuvor.

Mit meiner Kochbuchbuchsammlung aus über 2.000 Titeln war ich es gewöhnt, ein Rezept auszusuchen, eine Liste zu schreiben und damit einkaufen zu gehen. Gab es etwas nicht, folgte Frust. War etwas nicht gemeinsam in Saison, gab es Ärger. Seit wir einen Ernteanteil haben, geht das so: Kühlschranklade auf, Inspiration holen, eventuell ein paar Rezepte dazu querlesen und improvisieren. So entstand mein Fokus auf Gemüseküche, so entstanden meine erfolgreichsten Kochbücher („Immer schon vegan“ und „Österreich vegetarisch“ z.B.). Und so wuchs jedes Jahr die Überzeugung, dass die direkte Teilhabe an einem Betrieb, der uns ernährt, der Schlüssel zu genussvollem, vielfältigem und echt saisonalem Essen ist.

Es braucht Commitment

Ja, es braucht Commitment, jede Woche im Jahr dieses viele Gemüse wirklich anzunehmen. Aber wir teilen bei Oxi nicht nur manchmal keinen Salat (weil die Hasen ihn unwiderstehlich fanden, wie wir in den wöchentlichen Hofnachrichten erfuhren), sondern in der Regel wahnsinnig tolle Produkte, um die uns die Generation Instagram, die schon bei Puntarelle Schnappatmung bekommt, beneidet. Gibt’s bei uns seit über einem Jahrzehnt, wochenlang. Bunter Mangold? Gelbe Rote Rüben? Dutzende Sorten reife Paradeiser? Lila-grünen Wirsing? Rucola im tiefsten Winter? Wir haben sie alle. Sind wir mal nicht da, gibt es eine WhatsApp-Gruppe mit Gemüsefreund:innen. Dann erfreut unser Ernteanteil eine Woche lang eine andere Familie und facht dort das Vielfaltsverlangen an.

Für mich, meinen Mann, unser Essen und unsere Gesundheit, aber auch für meinen Beruf, das Teilen von Wissen und Genuss, konnte uns gar nichts Besseres passieren, als Oxi-Mitglieder zu werden.

Katharina Seiser

Katharina Seiser

Die Kulinarikjournalistin und Kochbuchautorin schreibt bereits seit 2001 über Themen rund ums Essen. Dabei wagt sie stets den Blick über den Tellerrand, taucht in ihren Büchern in die kulinarischen Traditionen verschiedenster Regionen der Welt ein und verbindet diese mit einem enormen Produktwissen. Zu ihren erfolgreichsten Büchern zählen unter anderem „30 Pflanzen pro Woche“, „immer schon vegan“ und „Österreich vegetarisch“.

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