Die Wahrheit über Bio und Regionalität

Bio klingt gesund, regional klingt nachhaltig? Zwischen Siegeln, Werbeversprechen und Konsument:innenwünschen verlieren viele den Überblick.
von Eva Komarek
Die Wahrheit über Bio und Regionalität

Seit Jahren erleben biologische und regionale Lebensmittel einen Aufschwung. Immer mehr Menschen wollen sich bewusster ernähren, ihren ökologischen Fußabdruck verringern und Tierwohl unterstützen. Die Motive sind ehrenwert, doch der Markt ist komplex. Viele Produkte, die regional erscheinen, stammen aus industrieller Produktion. Bio wiederum ist nicht immer lokal. Und Werbung verkauft uns eine Idylle, die mit der Realität wenig zu tun hat.

Was Bio wirklich bedeutet

Für Bio-Produkte gibt es einen klar definierten Rechtsrahmen, der in der EU-Bio-Verordnung 2018/848 geregelt ist. Diese schreibt vor, wie Lebensmittel angebaut, verarbeitet und kontrolliert werden müssen, um das grün-weiße EU-Bio-Logo tragen zu dürfen. Im Pflanzenanbau ist der Einsatz synthetischer Pestizide ebenso verboten wie chemisch-synthetische Düngemittel. Auch Gentechnik ist ausgeschlossen. In der Tierhaltung gelten strengere Vorschriften, etwa für Platzangebot, Auslauf und Fütterung. Ein Bio-Huhn hat nicht nur mehr Platz im Stall, sondern auch garantierten Auslauf im Freien und bekommt ausschließlich Futter in Bio-Qualität. Auch bei der Verarbeitung gelten eigene Standards: Künstliche Aromen, Geschmacksverstärker und viele Zusatzstoffe sind tabu. Insgesamt sind nur rund 30 Zusatzstoffe zugelassen, während es in der konventionellen Produktion rund 300 sind. Die Einhaltung all dieser Regeln wird durch zertifizierte Kontrollstellen regelmäßig überprüft.

© Gaumen Hoch
Die Wahrheit über Bio und Regionalität
Tierwohl. Ein Bio-Huhn lebt artgerecht mit mehr Platz im Stall, Auslauf im Freien und gentechnikfreiem Bio-Futter.

Doch Bio ist nicht gleich Bio: Neben dem EU-Mindeststandard existieren zahlreiche private oder nationale Programme mit strengeren Anforderungen. In Österreich etwa Bio Austria, das eine Umstellung des gesamten Betriebs verlangt, oder Demeter, das auf bio- dynamische Prinzipien setzt. Auch das AMA-Bio-Siegel legt zusätzliche Kriterien fest, insbesondere im Hinblick auf die Herkunft.

Wichtig ist jedoch zu verstehen, dass Bio nichts über den geografischen Ursprung eines Produkts aussagt. Ein Bio-Apfel kann aus Südamerika stammen, ein Bio-Rind aus Irland, solange die Produkte unter Einhaltung der EU-Bio-Richtlinien produziert wurden. Bio steht für eine Produktionsweise, nicht für Nähe. Und genau hier beginnt die Unterscheidung zur Regionalität.

Der Regionalschmäh

Der Begriff „regional“ begegnet uns heute überall: auf Joghurtbechern, Fleischverpackungen und in der Fernsehwerbung. Er steht für Nähe, für eine bestimmte Region, die Vertrauen schaffen soll, oder für Heimat. Doch was tatsächlich unter Regionalität verstanden wird, ist alles andere als eindeutig. Anders als beim Bio-Siegel gibt es keine EU-weite Definition dafür. Regional kann bedeuten: aus dem Nachbarort, aus dem Bundesland, aus Österreich oder aus einer großflächig definierten Wirtschaftsregion.

© Caecilia Lahner
Die Wahrheit über Bio und Regionalität

„Was Regionalität bedeutet, ist für jede:n etwas anderes“, sagt Marlies Gruber, Geschäftsführerin des forum.ernährung heute. „Für manche bedeutet es, dass das Produkt in der Nähe des Wohnortes produziert wurde. Für andere ist es ausreichend, wenn etwas aus Österreich kommt. Das ist extrem unterschiedlich.“ Gänzlich unreguliert ist auch die Regionalität nicht, denn es gibt gesetzliche Schutzbezeichnungen der EU. Bei der „geschützten Ursprungsbezeichnung“ (g. U.) müssen sämtliche Produktionsschritte vom Rohstoff über die Verarbeitung bis zur Verpackung in einer bestimmten Region erfolgen. Bei der „geschützten geografischen Angabe“ (g. g. A.) genügt es hingegen, wenn nur ein Teil der Herstellung dort stattfindet. So kann etwa ein Produkt als steirisches Kürbiskernöl vermarktet werden, obwohl die Kerne aus China stammen, solange die Pressung in der Steiermark erfolgt.

„Regionalität bedeutet nicht automatisch eine hohe Qualität“, betont Gruber. „Ein Produkt kann sehr wohl regional sein und trotzdem aus klassischer Massentierhaltung stammen.“ Regionalität gibt keinerlei Auskunft über Haltungsbedingungen, Umweltstandards oder Nachhaltigkeitskriterien. Auch das AMA-Gütesiegel, das die Herkunft innerhalb Österreichs garantiert, sagt wenig über Produktionsbedingungen aus, außer, dass sie dem österreichischen gesetzlichen Standard entsprechen.

„Wer regelmäßig Fleisch konsumiert, verursacht einen wesentlich höheren CO2-Fußabdruck als jemand, der sich überwiegend pflanzlich ernährt – unabhängig davon, ob die Produkte regional sind oder nicht.“
Marlies Gruber, GESCHÄFTSFÜHRERIN DES FORUM. ERNÄHRUNG HEUTE

Auch Global 2000 findet den Begriff Regionalität problematisch. „Im Gegensatz zur Saisonalität, die aus den klimatischen Standortbedingungen ableitbar ist, handelt es sich bei Regionalität um einen Begriff, der historisch gewachsen, kulturell aufgeladen oder auch politisch und sozial ausgehandelt sein kann. Dadurch besteht viel Spielraum, was als regional bezeichnet wird“, kritisiert Global 2000. Im Lebensmitteleinzelhandel werde regional oft mit „aus Österreich“ übersetzt. Das widerspreche jedoch der Definition von Region als Teilraum und garantiere weder einen geringeren Transportaufwand noch den regionalen Erhalt der Wertschöpfung. Für die Umweltschutzorganisation sind deshalb zentrale Kriterien regional erzeugter Produkte, dass die Rohstoffe, die zur Erzeugung eines Produkts notwendig sind, aus derselben Region stammen müssen, in der sie zum Endprodukt verarbeitet werden.

Regional verkauft sich gut

Und dennoch ist Regionalität ein gutes Verkaufsargument, denn es weckt viele positive Assoziationen – von der Bauernhofidylle bis zum klimaschonenden Konsum. „Was ich mit Regionalität verkaufe, ist immer auch ein Gefühl: Nähe, Vertrauen, Identifikation“, bringt es Gruber auf den Punkt. So ergab eine Befragung der AMA unter fast 1.900 österreichischen Haushalten, dass für gut ein Fünftel Regionalität das Top-Thema beim Lebensmitteleinkauf ist, für mehr als 60 Prozent ist es unter den Top 3 gelistet. Als wichtigste Gründe für den Kauf von regionalen Produkten wurden die kurzen Transportwege und die Stärkung der heimischen Landwirtschaft genannt. Die Frische von regionalen Produkten sowie deren nachvollziehbare Herkunft und Nachhaltigkeit werden besonders geschätzt. Ein Vergleich von Meinungen zu regional erzeugten Produkten mit äquivalenten Meinungen zu Bio-Produkten aus der AMA-Motivanalyse Bio 2021 zeigt, dass der Unterschied vor allem in den Kaufmotiven liegt. Knapp drei Viertel der Befragten stimmen eher der Aussage zu, mit dem Kauf regionaler Produkte ein Zeichen für die Umwelt und die heimische Landwirtschaft setzen zu wollen, während Bio von 55 Prozent eher aus Eigeninteresse gekauft wird.

Und genau diese Studie zeigt die Problematik: In der Werbung wird Regionalität romantisiert und mit Bildern aufgeladen, die wenig mit der Realität industrieller Lebensmittelproduktion zu tun haben.

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Die Wahrheit über Bio und Regionalität
Klimabilanz. Ein regionales Rind ist nicht zwingend klimafreundlich, Haltung und Fütterung zählen mehr als die Entfernung.

Im Gegensatz zur Saisonalität, die aus den klimatischen Standortbedingungen ableitbar ist, handelt es sich bei Regionalität um einen Begriff, der historisch gewachsen, kulturell aufgeladen oder auch politisch und sozial ausgehandelt sein kann.

Mythos Nachhaltigkeit

Dass Regionalität automatisch nachhaltiger ist, ist einer der größten Irrtümer. „Der CO2-Fußabdruck eines Lebensmittels hängt nicht primär davon ab, wie weit es transportiert wurde, sondern davon, wie es produziert wurde“, erklärt Gruber. Der Umweltforscher Joseph Poore und der Agronom Thomas Nemecek haben 2018 unzählige Studien gesichtet und Daten von über 38.000 Farmen in 119 Länder analysiert. Sie haben die gesamten Umwelteffekte der Lebensmittelproduktion von der Rodung des Landes bis zum Transport zum Einzelhändler erfasst. Diese in der Fachzeitschrift Science veröffentliche Studie ist die bislang größte Metaanalyse zu Lebensmittelsystemen. Tatsächlich entfallen laut dieser Studie nur etwa sechs Prozent der Treibhausgasemissionen im Lebensmittelsektor auf den Transport. Wesentlich relevanter sind Faktoren wie Anbaumethode, Tierhaltung oder Energieeinsatz.

„Der CO2-Fußabdruck eines Lebensmittels hängt nicht primär davon ab, wie weit es transportiert wurde, sondern davon, wie es produziert wurde.“
Marlies Gruber, GESCHÄFTSFÜHRERIN DES FORUM. ERNÄHRUNG HEUTE

„Wenn man die Treibhausgasemissionen betrachtet, ist entscheidender, was wir essen und wie es produziert wurde“, sagt Gruber. „Wer regelmäßig Fleisch konsumiert, verursacht einen wesentlich höheren CO2-Fußabdruck als jemand, der sich überwiegend pflanzlich ernährt – unabhängig davon, ob die Produkte regional sind oder nicht.“ Auch bei pflanzlichen Lebensmitteln kommt es auf die Details an. Eine Tomate ist nicht gleich eine Tomate. Wird sie in einem beheizten Glashaus außerhalb der Saison gezogen, benötigt sie ein Vielfaches an Energie. Dagegen kann eine importierte Tomate aus Spanien, die im Freiland gereift ist, unter dem Strich eine bessere Klimabilanz aufweisen. „Regionalität macht in Kombination mit Saisonalität Sinn“, betont Gruber. „Außerhalb der Saison muss man genau hinsehen, ob ein regionales Produkt tatsächlich ökologischer ist.“

Wer also beim Einkaufen einen Beitrag zum Klimaschutz leisten will, sollte die richtigen Fragen stellen: Stammt das Produkt aus der Saison? Wie wurde es erzeugt? Welche Ressourcen wurden eingesetzt – Wasser, Energie, Futter? Und wie oft steht Tierisches auf dem Speiseplan? „Ein einziger vegetarischer Tag pro Woche spart oft mehr Emissionen ein, als konsequent regional einzukaufen bei ansonsten gleichbleibender Ernährung“, betont Gruber.

Die Wahrheit über Bio und Regionalität
Quelle: Joseph Poore und Thomas Nemecek (2018); OurWorldInData.org/environmental-impacts-of-food

Die Qual der Wahl

Für viele, die gesunde und nachhaltige Lebensmittel erwerben wollen, wird der Einkauf immer mehr zum Spießrutenlauf. Doch nicht jeder Einkauf muss perfekt sein. Für Gruber ist klar: „Die optimale Entscheidung liegt meist in der Kombination von bio, regional und saisonal. Wenn ich das schaffe: wunderbar.“ Doch sie weiß auch, dass die Realität oft komplexer ist. Deshalb empfiehlt sie, den eigenen Werten zu folgen: „Will ich Tierwohl? Dann ist Bio besonders relevant. Will ich die lokale Landwirtschaft stärken? Dann hat Regionalität Priorität.“

Eine Möglichkeit, diesem Ideal näherzukommen, sind Wochenmärkte und Hofläden. Dort kann man direkt erfragen, unter welchen Bedingungen produziert wird. Transparenz schafft Vertrauen und Verständnis für den Preis. Auch Bio-Läden, solidarische Landwirtschaften (SoLa-Wi) oder Bio-Kisten bieten gute Alternativen zum anonymen Supermarktregal.

Wichtig bleibt, sich nicht blenden zu lassen: Weder ein rot-weiß-roter Herkunftshinweis noch der Aufdruck „naturnah“ ersetzen ein anerkanntes Siegel. Und auch ein Bauernhof auf dem Etikett sagt nichts darüber aus, wie die Tiere dort tatsächlich leben. Wer wirklich nachhaltig einkaufen will, muss manchmal einen Schritt weitergehen und genauer hinschauen.

Kurz gesagt:

  • Bio steht für Produktionsweise.
  • Regionalität steht für Herkunft.
  • Nachhaltigkeit hängt von mehreren Faktoren ab – nicht nur vom Transport.
Gaumen Hoch Printmagazin 02/25
© Gaumen Hoch

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