An einer einzelnen Rebsorte kann man sich mehrere Leben lang abarbeiten. Im Weingut K+K Kirnbauer, hoch über den Dächern von Deutschkreutz gelegen, heißt diese Sorte Blaufränkisch. Der Boden im Mittelburgenland ist lehmhaltig und eisenreich, die Nächte kühl – und keine Region Österreichs bekommt mehr Sonnenstunden. Die Toskana Österreichs, könnte man meinen.

Perfekte Bedingungen für den Blaufränkischen. Freilich wachsen auch andere Sorten gerne auf den 45 Hektar: Merlot, Cabernet Franc, Syrah, Zweigelt, Cabernet Sauvignon, Riesling, Sauvignon Blanc, Grüner Veltliner und Chardonnay.
Dass sich der Blaufränkisch auch mit Merlot und Cabernet Sauvignon verträgt, hat Markus‘ Vater Walter vor fast 40 Jahren herausgefunden. „Er hat damals eine Ausnahmegenehmigung erhalten, um die beiden anderen Sorten anzupflanzen, das war in den 1980ern nicht erlaubt. Und dann durften wir den Wein in eine Cuvée bringen unter der Voraussetzung, die einzelnen Rebsorten nicht anzuführen“, sagt Markus, der das Weingut heute mit seiner Frau Marlene in zweiter Generation führt. Ein Fantasiename musste her. So entstand „Das Phantom“, das bis heute legendäre Flaggschiff. Es macht 40 Prozent der Gesamtproduktion aus. Damals hatte sich noch niemand im Land eine Cuvée zugetraut.
Das Phantom ist der Superstar, aber daneben glitzern auch andere interessante Tropfen in Flaschen. Wie zum Beispiel der Boutique-Wein „Forever“, Cabernet und Merlot aus dreijährigem Barriqueausbau, mit einem Augenzwinkern auf Markus‘ gefühlt ewig lange Studiendauer. Heute werden damit Heiratsanträge gemacht. „Das ist das Schöne am Wein, es geht immer um Emotionen“, sagt Marlene.
„Meine Eltern haben schon vor 18 Jahren die erste Photovoltaikanlage gebaut. Die Kreislaufidee begleitet uns schon sehr lang.“
„Vegetable Oil“ statt Ackergaul
Der Pioniergeist ist bis heute geblieben. Bei der Weinlese füttern die Kirnbauers ihre Traktoren seit 2025 mit dem CO₂-freien Treibstoff HVO100, einer Art „Vegetable Oil“ aus nachwachsenden Rohstoffen. Ansonsten sind am Gut hauptsächlich Elektroautos im Einsatz, die mit selbstproduzierter regenerativer Energie aufgeladen werden. „Meine Eltern haben schon vor 18 Jahren die erste Photovoltaikanlage gebaut“, sagt Markus. „Die Kreislaufidee begleitet uns schon sehr lang.“ Geheizt wird mit Hackschnitzeln aus dem eigenen Eichenwald, das Wasser kommt aus dem eigenen Brunnen. 2014 zählte das Weingut zu den ersten Betrieben, die in Österreich offiziell als nachhaltig klassifiziert wurden. 16 Mitarbeitende sind ganzjährig angestellt – im Weinbau keine Selbstverständlichkeit.

Dazu gehört auch eine biologische Bewirtschaftung ohne Herbizide und Insektizide. Ganz ohne nostalgische Tendenzen à la Ackergaul-Romantik. „Alles ist data-driven, wir analysieren jede Arbeitsstunde im Weingarten“, sagt Marlene. Auch, um Kosten zu optimieren, denn die sind in den letzten Jahren überall massiv gestiegen.
Zwei Biografien, eine Handschrift
Markus hat nach der Weinbauschule ein Wirtschaftsstudium angehängt und wurde SAP-Berater. Ein Jahrzehnt lang reiste er weltweit, um Firmen bei der Optimierung von Geschäftsprozessen zu begleiten. 2010 hat er sich dazu entschieden, den Beraterjob an den Nagel zu hängen und sukzessive operative und administrative Aufgaben im Weingut zu übernehmen.

Marlene kommt aus dem Marketing, hat bei Red Bull und The North Face gearbeitet und sich dann selbstständig gemacht. Die Sommelière-Ausbildung absolvierte sie aus privatem Interesse, Markus kannte sie damals noch nicht. Seit 2017 kümmert sie sich im Weingut ebenso um die Betriebsführung und insbesondere um Mitarbeitende, Marketing und Events. Gemeinsam haben die beiden die Marke so geschärft, dass ihre Essenz als Orientierung taugt, wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen. Zum Beispiel bei Trends.
„Wir haben so eine penible Ernte und die sauberste Verarbeitung, dass wir eigentlich auch einen Low-Intervention-Wein haben.“
Brand statt Trend
„Wir sprechen uns klar gegen alkoholfreien Wein aus, da das unserer Nachhaltigkeitsphilosophie widerspricht. Den Wein müssten wir in ein anderes Land bringen, um ihn einem Prozess zu unterziehen. Und raus käme ein Produkt, bei dem ich auch geschmacklich semi dahinterstehe“, sagt Markus. „Da macht man aus einem guten Produkt ein schlechtes Produkt, dazu noch mit langen Transportwegen unter dem Einsatz von viel Energie.“ Auch dem Raw-Wine-Trend folgen die Kirnbauers nicht.

„Wir haben so eine penible Ernte und die sauberste Verarbeitung, dass wir eigentlich auch einen Low-Intervention-Wein haben. Aber Raw Wine ist unserer Meinung nach ein Produkt, das dem Körper nicht guttut, bei dem du am nächsten Tag mit Kopfweh aufwachst“, sagt Marlene.
Sie wäre dafür, Low-Produkte anders zu denken. Zum Beispiel, indem man alkoholfreie Getränke sucht, die zum Wein passen. „Da wäre der Alkoholgehalt low, aber ich muss mein Produkt nicht ändern.“ Der eigenen Handschrift bleibt man treu.

















