
Als Alice Tauss vor über drei Jahrzehnten zum ersten Mal bei der Lese am Schloßberg über Leutschach zwischen den Reben stand, war von einer Übernahme noch keine Rede und doch wusste sie es sofort: „Ich habe gesehen, das ist mein Platz.“ Was damals eine Ahnung war, ist heute ein vielschichtiger Gastbetrieb, gewachsen Zimmer für Zimmer, Idee für Idee.
Vom verschuldeten Hof zum Weingut
Begonnen hat alles klein. Zwei Gästezimmer, mehr waren es nicht, als Alice und ihr Mann Roland 1991/92 den verschuldeten elterlichen Hof übernahmen. Die Rechnung schien simpel: Die Zimmer sollten den Weinverkauf antreiben. Sie ging nur halb auf – und gerade darin lag das Glück. Aus dem Nebenher wurde ein eigenständiger zweiter Betrieb. Der Dachboden wurde ausgebaut, aus zwei Zimmern wurden sechs, schließlich zehn, dazu das Winzerhaus als eigenes Quartier. 2003 kamen ein neuer Keller, die Rotweinzimmer und ein Pool hinzu.
Rückzug mit Aussicht
Wer heute anreist, findet in ruhiger Einzellage, umgeben von den eigenen Weingärten im Naturpark Südsteiermark, Zimmer in ökologischer Bauweise. Großzügig, gemütlich und unaufdringlich. Die Böden aus Holz, die Linie klar und präzise. Außerdem sorgt viel Tageslicht dafür, dass die Zimmer hell sind. Von den Winzerzimmern bis zum Winzerhaus, in dem sich Gäste selbst versorgen können, zieht sich dieselbe Handschrift.

Eine knappe Autostunde südlich von Graz liegt das Gut, die slowenische Grenze in Sichtweite, ringsum Wald, Reben, Hopfenstangen und Wanderwege. Auf der Terrasse weitet sich der Blick über die Hänge, und drumherum hat sich ein leiser Kosmos der Erholung gefügt: Sauna und Dampfbad, Körperbehandlungen, der Pool mit Aussicht. Nichts davon drängt sich auf; alles fügt sich in dieselbe Idee von Rückzug und Ruhe.
Ein Haus entsteht aus einem Gespräch
Die Idee spiegelt sich im Namen wider. 2015 entstand über den Weingärten das Haus der Stille, ein Raum für Yoga und Meditation. Wieder aus einem Moment heraus. Auf einer Yogawoche hatte Alice eine deutsche Trainerin kennengelernt und sie schlicht gefragt, ob sie bei ihr unterrichten wolle. Die Trainerin sagte zu, Alice sagte: „Gut, ich baue das Haus drumherum. Planen wir Mai ein.“

Im Frühjahr stand das Gebäude, das erste Retreat war ausgebucht. Ohne einen Cent für Werbung. Heute, im zwölften Jahr, füllen Yogagruppen knapp die Hälfte der Buchungen; sie reisen aus ganz Österreich und Deutschland an, schlafen am Gut, üben im Haus der Stille und werden rundum verpflegt. Eine Community trägt das Ganze, fast von selbst. Auch im Winter bleibt das Haus geöffnet, an den Wochenenden für Seminare – Yoga, Qigong, Feldenkrais.
Überzeugung als Fundament
Dass hier alles biologisch ist, war stets Überzeugung. Als der Sohn als Kind unter Neurodermitis litt, riet der Arzt, sämtliche Zusatzstoffe wegzulassen. Heute ist der Betrieb bis in die Vermietung Demeter– und Bio-zertifiziert, Weinbau und Streuobstwiesen inklusive.

Der Tag beginnt mit einem Frühstück aus biologischen Produkten, vieles davon aus dem eigenen Garten; gekocht wird am Weingut von Alice höchstpersönlich, gesunde und nährende Gerichte, vorwiegend vegetarisch. Ein klassisches Restaurant ist das Haus nicht; gekocht wird für Gruppen, die vorbestellen.
Es ist eine unaufgeregte Selbstbestimmtheit, mit der hier seit 35 Jahren aus Visionen Häuser werden. Eines nach dem anderen. Ganz ohne Eile.


















