Kurz beantwortet: Die oft zitierte Kreditkarte Plastik pro Woche ist eine Rechenfehlleistung, realistisch ist laut Thilo Hofmann, Leiter des Lehrstuhls für Umweltgeowissenschaften an der Universität Wien, eher eine Kreditkarte in rund 23.000 Jahren. Im Gaumen Hoch-Podcast meint er: Ein Gesundheitsrisiko durch Mikroplastik aus der Nahrung ist derzeit ohnehin wissenschaftlich nicht belegt. Das eigentliche Mengenproblem liegt an anderer Stelle, rund 80 Prozent des Mikroplastiks auf Ackerböden und in Flüssen stammt aus Autoreifenabrieb, nicht aus Lebensmittelverpackungen.
Eine Kreditkarte in 23.000 Jahren
Kaum eine Zahl zu Mikroplastik ist so oft zitiert wie die angebliche Kreditkarte pro Woche, die jeder Mensch an Plastik aufnehmen soll. Die Behauptung stammt aus einer Studie, die methodisch grob fehlerhaft war und trotzdem seit Jahren durch Artikel, Grafiken und Social-Media-Posts wandert. Thilo Hofmann, Leiter des Lehrstuhls für Umweltgeowissenschaften an der Universität Wien, widerspricht ihr im Gaumen Hoch-Podcast direkt:
„Es gibt Studien, die sind vollkommen verkehrt. Wir würden eine Kreditkarte Plastik pro Woche essen, haben wir alle schon gehört. In Wahrheit nehmen wir aber eine Kreditkarte Plastik in 23.000 Jahren auf. Wir haben auch nicht 7 oder 9 Gramm Plastik im Kopf.“
Auch die kursierende Zahl von 7 bis 9 Gramm Plastik im menschlichen Gehirn, medial gern mit einer Kreditkarte im Kopf illustriert, stuft er damit als widerlegt ein. Für Leser:innen heißt das nicht automatisch Entwarnung, aber eine deutlich nüchternere Ausgangslage als die viralen Schlagzeilen suggerieren. Die eigentlich interessante Frage stellt sich damit erst, wenn die Kreditkarte vom Tisch ist, woher das Mikroplastik, das tatsächlich in der Umwelt landet, überhaupt kommt.
Der eigentliche Ursprung sitzt im Reifen
Wer bei Mikroplastik zuerst an Verpackungsmüll denkt, greift zu kurz. Nach Hofmanns Einschätzung wird gerade dieser Aspekt systematisch unterschätzt:
„Autoreifen sind am Ende auch Kunststoffe. Wir bremsen, beschleunigen, dabei wird das Plastik im Reifen abgerieben. Das ist sogar die größte Menge des gesamten Plastiks, das in der Umwelt landet. Neueste Berechnungen sagen: 80 Prozent des gesamten Mikroplastiks auf Ackerböden und in Flüssen kommt vom Autoreifen. Jeder Mensch produziert ein Kilogramm davon pro Jahr, vom Baby bis zum Greis. Hochgerechnet auf Österreich macht das 8 bis 9 Millionen Kilogramm Plastik aus Autoreifen jährlich.“
Dazu kommen Quellen, die kaum jemand auf dem Schirm hat, Fahrbahnmarkierungen, Fassadenbeschichtungen, Schiffsanstriche. Verpackungsmüll ist Teil des Problems, aber eben nicht der größte Teil. Wer ihn trotzdem dafür verantwortlich macht, verkehrt laut Hofmann die eigentliche Verantwortung, „die größte Menge ist Autoreifen“, wie er es im Podcast auf den Punkt bringt, nicht die Konsumentin oder der Konsument, der eine Verpackung wegwirft.
Ein Kontinuum statt einer Grenze
Bevor es um die Frage geht, was das für die Gesundheit bedeutet, lohnt sich ein Blick auf die Begriffe selbst. „Mikro“ und „Nano“ klingen nach zwei getrennten Kategorien, sind sie aber nicht. Hofmann beschreibt es im Podcast als Kontinuum, jedes Plastikteil, von der Flasche bis zum Sackerl, zerfällt in der Umwelt biologisch, physikalisch und mechanisch in immer kleinere Stücke. Aus großem Plastik wird kleineres, aus kleinerem Mikroplastik, aus Mikroplastik irgendwann Nanoplastik. Eine feste Grenze zwischen den Begriffen gibt es nicht, nur eine Größenachse, auf der auch der Reifenabrieb landet, sobald er fein genug zerrieben ist.
Essen oder Atmen: welcher Weg zählt wirklich
Zwei Aufnahmepfade stehen zur Debatte, die Nahrung und die Atemluft. Hofmanns Einschätzung, ausdrücklich mit dem Hinweis versehen, dass belastbare Langzeitdaten noch fehlen: Die Einatmung über Innenraumluft, Teppiche, Kleidung und Straßenverkehr, also wieder der Reifen, hält er für den vermutlich relevanteren Weg. Was über die Nahrung aufgenommen wird, wird laut Hofmann zu einem großen Teil wieder ausgeschieden, ähnlich wie andere natürliche Partikel, mit denen der Körper ohnehin ständig umgeht.
Was die Studienlage zur Gesundheit hergibt
Die ehrlichste Antwort, die Hofmann auf einer Fachveranstaltung mit dem deutschen Bundesamt für Risikobewertung und der österreichischen AGES gehört hat: Man weiß es schlicht noch nicht. Erste Tierversuche mit deutlich höheren Konzentrationen als beim Menschen üblich zeigen mögliche Entzündungsreaktionen in Blutgefäßen, einzelne dieser Studien gelten methodisch als angreifbar. Eine gesicherte Aussage zum Gesundheitsrisiko durch Mikroplastik aus Lebensmitteln lässt sich daraus derzeit nicht ableiten, weder in die eine noch in die andere Richtung.
Größere Wirkung auf die Gesundheit hat nach Hofmanns Einordnung ohnehin etwas anderes: die Ernährung selbst, roher Anteil, Fettqualität, verarbeitete Lebensmittel. Im Vergleich dazu bewegt sich das Mikroplastik-Risiko in Größenordnungen, die um den Faktor 10.000 bis 100.000 kleiner ausfallen. Ein zweites, deutlich weniger erforschtes Thema wiegt für ihn schwerer als die Partikel selbst, die Chemie im Plastik, also Weichmacher, Additive und Ewigkeitschemikalien, die aus Verpackungen ins Lebensmittel übergehen können.
Häufig gefragt
Stimmt es, dass wir eine Kreditkarte Plastik pro Woche essen? Nein, die vielzitierte Zahl beruht auf fehlerhaften Studien. Nach Hofmanns Gegenrechnung nehmen Menschen eher eine Kreditkarte Plastik in rund 23.000 Jahren auf.
Woher stammt das meiste Mikroplastik in der Umwelt? Zum weitaus größten Teil aus Autoreifenabrieb, rund 80 Prozent des Mikroplastiks auf Ackerböden und in Flüssen, nicht aus Verpackungsmüll.
Ist Mikroplastik im Essen gesundheitsschädlich? Nach aktuellem Wissensstand gibt es dafür keine gesicherten Belege, weder für noch gegen ein Risiko. Die aufgenommenen Mengen aus der Nahrung sind extrem klein.
Ist Bio-Gemüse frei von Mikroplastik? Nein. Der Bio-Status eines Lebensmittels hat mit der Mikroplastik-Belastung nichts zu tun, die Mengen liegen ohnehin im Spurenbereich.
Was unterscheidet Mikroplastik von Nanoplastik? Nur die Größe. Beides entsteht aus demselben Zerfallsprozess von Plastik in der Umwelt, eine trennscharfe Grenze zwischen den Begriffen existiert nicht.
Ausführlicher, mit weiteren Details zu Additiven, Weichmachern und Ewigkeitschemikalien in Verpackungen, spricht Thilo Hofmann im Gaumen Hoch-Podcast „Übers Essen spricht man nicht“. Wer wissen will, wo PFAS im Alltag konkret stecken, findet das im Artikel zu Ewigkeitschemikalien in Österreich.
Über die Podcastfolge
Warum PFAS gefährlicher sind als Mikroplastik
Thilo Hofmann leitet den Lehrstuhl für Umweltgeowissenschaften an der Universität Wien und forscht seit Jahrzehnten zu Schadstoffen, Grundwasser und den Folgen neuer Materialien für Mensch und Umwelt, den Weg zur Mikro- und Nanoplastik-Forschung fand er über die Nanotechnologie. Im Gespräch ordnet er ein, wie gefährlich Mikroplastik über Nahrung und Atemluft tatsächlich ist, warum Reifenabrieb dabei eine größere Rolle spielt als Verpackungsmüll, und weshalb er PFAS, die sogenannten Ewigkeitschemikalien, für das eigentlich größere Problem hält. Aufgezeichnet wurde die Folge im Wiener Restaurant Wrenkh.


















