Ewigkeitschemikalien: unsichtbar, ungesund – und unaufhaltbar?

Ewigkeitschemikalien sind überall – auch in unserem Essen und Trinken. Was hat es mit diesen synthetischen Gefahren wirklich auf sich? Und warum bleibt auch das Bio-Vorzeigeland Österreich nicht davon verschont?
Boden
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Einerseits sind die Ergebnisse erschütternd: Ewigkeitschemikalien, so stellten in den letzten Jahren mehrere Studien fest, sind mittlerweile überall – auch in den Körpern von uns Menschen. Andererseits: War das nicht erwartbar? Ist es nicht logisch, dass unser Planet, auf dem tagtäglich abertausende Chemikalien zum Einsatz kommen? Diese immer komplexeren synthetischen Stoffe nicht mehr abbauen kann? Trotz dieser voraussehbaren Gemengelage ist die Sache leider die: Dafür, dass Österreich als Vorzeige-Bio-Land gilt, ist die Menge an Ewigkeitschemikalien, die sich hier angesammelt haben, besorgniserregend groß.

Ewigkeitschemikalien (PFAS) finden sich mittlerweile in 25 Prozent von Österreichs Obst und Gemüse – EU-weit hinter nur Holland und Belgien der höchste Wert. Hauptquelle ist oft Trifluoressigsäure (TFA), ein Abbauprodukt PFAS-haltiger Pestizide. Die Europäische Chemikalienagentur ECHA stufte TFA im Juni 2026 als reproduktionstoxisch ein, im Juli 2026 senkte die EFSA den gesundheitsbasierten Grenzwert für die tägliche Aufnahme um 72 Prozent.

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Helmut Burtscher-Schaden von Global 2000
Helmut Burtscher-Schaden ist Umweltchemiker bei der Organisation Global 2000 und warnt vor den Folgen industrieller Landwirtschaft.

Sie befinden sich mittlerweile auf 25 Prozent – das ist ein Viertel! – aller heimischen Obst- und Gemüsesorten. Zusammen mit Holland und Belgien – zwei Ländern, die nicht als Bio-Länder gelten und mit 27 Prozent nur zwei Punkte über dem Wert in Österreich liegen – gehört Österreich damit zu den Spitzenreitern in der EU. Und das ist nur die Spitze des, nun ja, Chemiebergs. 

„Ewigkeitschemikalien sind Stoffe, die in der Umwelt praktisch nicht abgebaut werden können, extrem beständig sind und sich in Böden, Gewässern und der Biosphäre dauerhaft anreichern, sodass wir ihnen langfristig ausgesetzt sind“
Helmut Burtscher-Schaden, Umweltchemiker bei Global 2000

Was sind Ewigkeitschemikalien genau?

„Ewigkeitschemikalien sind Stoffe, die in der Umwelt praktisch nicht abgebaut werden können, extrem beständig sind und sich in Böden, Gewässern und der Biosphäre dauerhaft anreichern, sodass wir ihnen langfristig ausgesetzt sind“, erklärt Helmut Burtscher-Schaden. Der Umweltchemiker bei Global 2000 hat hierzulande wohl die genauesten Einblicke in Ursache und Wirkung von Ewigkeitschemikalien. Und in den vergangenen Jahren eine Vielzahl an Studien dazu veröffentlicht.

„Bei den verbreitetsten Ewigkeitschemikalien handelt es sich um die Gruppe der sogenannten per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen, kurz PFAS. Sie kommen etwa in beschichteten Pfannen, schmutzabweisenden Produkten, Fast-Food-Verpackungen, wasserabweisender Kleidung oder Körperpflegeprodukten vor. Aber auch in Pestiziden, die in der EU und in Österreich zugelassen sind. Und genau das hat so eine verheerende Wirkung auf unser Ernährungssystem.“ Wie verheerend, zeigen drei Buchstaben: TFA. 

Die unsichtbare Chemikalie

„Viele PFAS-haltige Pestizide, die in der Landwirtschaft eingesetzt werden, bauen sich in der Umwelt nicht vollständig ab. Sondern sie zerfallen letztlich zu TFA, also Trifluoressigsäure“, erklärt Burtscher-Schaden. Dabei handelt es sich um eine sehr mobile, wasserlösliche und extrem beständige Verbindung, die sich in Böden, Gewässern und sogar im Trinkwasser anreichern kann. Mit unbekannten Langzeitfolgen für Mensch und Umwelt. Besorgniserregend war lange, dass es sich bei TFA um eine, wie Burtscher-Schaden es nennt, „unsichtbare Chemikalie“ handelte, für die es EU-weit keine gesetzlichen Grenzwerte gab. Das hat sich 2026 geändert: Im Juni stufte die Europäische Chemikalienagentur ECHA TFA als reproduktionstoxisch ein, im Juli senkte die EFSA den gesundheitsbasierten Grenzwert für die tägliche Aufnahme um 72 Prozent.

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Helmut Burtscher-Schaden von Global 2000
Gemeinsam mit seiner Organisation setzt sich Helmut Burtscher-Schaden für die Gesundheit unserer Böden ein.

ange wussten wir zu wenig über die Folgen von TFA. Seit 2021 eine Studie schwere Missbildungen an Kaninchen-Föten gezeigt hatte, stand es im Verdacht, die Fortpflanzung auch beim Menschen zu gefährden – ein Verdacht, den die ECHA im Juni 2026 amtlich bestätigte: TFA wird seither in die höchste Gefahrenkategorie für Reproduktionstoxizität eingeordnet. Andere PFAS, die gut erforscht sind, weisen hormonelle Veränderungen, Fruchtbarkeitsstörungen, Schädigungen des Immunsystems und ein erhöhtes Krebsrisiko nach. Die Lage ist also ernst. Auch, weil bereits über 20 Prozent der Kinder PFAS-Konzentrationen über dem gesundheitlichen Richtwert im Körper haben!“ Besonders hoch sind die TFA-Werte, auch das belegt Global 2000 in einer Studie, in unseren Flüssen und Seen – und im Trinkwasser. Ein Zusammenhang mit den Pestiziden scheint auch hier zu bestehen. 

„Ins Auge fällt besonders, dass die höchsten Belastungen bei diesem Stichprobentest genau in den Bundesländern gefunden wurden, wo die meisten landwirtschaftlich genutzten Flächen liegen.“
Helmut Burtscher-Schaden, Umweltchemiker bei Global 2000

Von den Feldern ins Wasser

In einer im Juli 2024 veröffentlichten Studie von Global 2000 wurde TFA in 34 von 36 europäischen Leitungswasserproben, sowie in 12 von 19 abgefüllten Mineral- und Quellwässern nachgewiesen. Wobei in allen neun Bundesländern Österreichs erhöhte TFA-Werte festgestellt wurden. Burtscher-Schaden: „Ins Auge fällt besonders, dass die höchsten Belastungen bei diesem Stichprobentest genau in den Bundesländern gefunden wurden, wo die meisten landwirtschaftlich genutzten Flächen liegen. Das sind Oberösterreich, Steiermark, Niederösterreich und das Burgenland, während Tirol, Wien, Vorarlberg, Kärnten und Salzburg die niedrigsten Werte aufweisen. Das stimmt mit den Ergebnissen des deutschen Umweltbundesamts überein. Die PFAS-Pestizide als Hauptquelle für TFA im Wasser definierten.“ Wie geht das zusammen, dass die TFA-Werte in einem Land, in dem rund 27 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen biologisch bewirtschaftet werden, so hoch sind?

Windverfrachtung als Generationenproblem

„Dazu müssen wir noch genauer forschen“, sagt Burtscher-Schaden, „aber Stand jetzt deutet einiges darauf hin, dass die Akkumulierung von TFA auch in jenen Böden, die biologisch oder biodynamisch bewirtschaftet werden und daher keine Pestizide mit PFAS benutzen, durch die Windverfrachtung passiert.“ Wie eine Studie vom Verein Enkeltaugliches Österreich feststellte, kann Wind Pestizide bis zu 300 Kilometer „verfrachten“, also auf biologisch bewirtschaftete Flächen wehen. Das alles wirft die Frage auf: Wie hoffnungslos ist die Lage nun wirklich? 

„Die bereits vorhandenen Ewigkeitschemikalien lassen sich nicht von heute auf morgen eliminieren, das liegt in der Natur der Sache“, sagt Burtscher-Schaden. Und: „Die Lage ist ernst, aber als hoffnungslos würde ich sie deswegen nicht bezeichnen. Weil die Lösung eine rein politische ist. Es müssen alle PFAS-Pestizide auf Basis des Vorsorgeprinzips verboten werden. Landwirtinnen und Landwirte müssen aktiv beim Umstieg auf unbedenkliche Alternativen unterstützt werden. Und TFA muss endlich als Chemikalie sichtbar gemacht, überwacht und gründlicher erforscht werden. Es ist ganz einfach: Die, die diese Verschmutzung erst ermöglicht haben, sind auch die, die jetzt schnell handeln müssen – bevor es zu spät ist.“ 

Tests zeigen TFA auch in Wein und Getreideprodukten. Eine Untersuchung von Global 2000 fand TFA in 54 von 55 Leitungswasserproben österreichweit. Bei Wein waren sämtliche getesteten Proben belastet, mit einer durchschnittlichen Konzentration, die 100-mal höher lag als im Trinkwasser. Auch bei 48 getesteten Getreideprodukten wie Brot, Keksen, Nudeln, Mehl und Frühstücksflocken wiesen alle Produkte, ob konventionell oder biologisch erzeugt, überdurchschnittlich hohe TFA-Werte auf.

Auf EU-Ebene bewegt sich zudem das geplante PFAS-Gesamtverbot: Ende März 2026 veröffentlichte der Ausschuss für sozioökonomische Analyse (SEAC) der ECHA seinen Entwurf zu einer EU-weiten Beschränkung von PFAS, allerdings mit Ausnahmen. Und auch industrieseitig tut sich etwas: Der Chemiekonzern Solvay kündigte im September 2025 an, die Produktion TFA-bildender Stoffe bis 2026 einzustellen.

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