Wer entscheidet darüber, welche Tomaten, Paprika oder Salate künftig auf unseren Feldern wachsen? Für Reinhild Frech-Emmelmann und Rafael Graf ist diese Frage weit mehr als eine Angelegenheit der Landwirtschaft. Denn wer die Kontrolle über das Saatgut hat, beeinflusst auch, was später auf unseren Tellern landet. Im Gaumen Hoch-Podcast „Übers Essen spricht man nicht“ sprechen die Gründerin und der Geschäftsführer von ReinSaat über die zunehmende Macht großer Saatgutunternehmen und die Risiken von Patenten. Dabei geht es auch darum, wie sich die Unabhängigkeit landwirtschaftlicher Betriebe bewahren lässt.
Wenn Saatgut zur Abhängigkeit führt
Saatgut ist die Grundlage unserer Lebensmittelproduktion. Können landwirtschaftliche Betriebe es nicht mehr frei vermehren oder für die Entwicklung eigener Sorten verwenden, sehen Frech-Emmelmann und Graf darin eine der größten Herausforderungen für die Zukunft der Landwirtschaft.
Besonders kritisch betrachten sie die Verbindung aus neuen gentechnischen Verfahren und Patentrechten. Mithilfe von Methoden wie CRISPR können bestimmte Eigenschaften von Pflanzen gezielt verändert werden. Werden solche Eigenschaften patentiert, könnten daraus nach Einschätzung der beiden weitreichende Einschränkungen für Züchter und landwirtschaftliche Betriebe entstehen.
„Ich als Bürger werde eigentlich entmündigt. Mir wird die Wahlfreiheit genommen, ob ich jetzt gentechnikfreies oder gentechnikverändertes Gemüse essen kann oder werde.”

„Abhängigkeiten von Seiten der Bäuerinnen und Bauern“, bringt Frech-Emmelmann ihre Sorge auf den Punkt. Graf ergänzt, dass die wirtschaftlichen Folgen letztlich auch bei den Konsument:innen ankommen könnten.
Aus beider Sicht geht es vor allem darum, wer über die Nutzung von Pflanzen bestimmen darf. Wenn bestimmte Eigenschaften rechtlich geschützt sind, kann das die Möglichkeiten anderer Züchter:innen einschränken, mit entsprechendem Pflanzenmaterial weiterzuarbeiten.
Gentechnik, Patente und die Frage der Wahlfreiheit
Auch die Entwicklungen rund um die Regulierung neuer gentechnischer Verfahren in der Europäischen Union beschäftigen die beiden. Besonders die diskutierten Kennzeichnungsregeln sehen sie kritisch.
„Mir wird die Wahlfreiheit genommen, ob ich jetzt gentechnikfreies oder gentechnikverändertes Gemüse essen kann oder werde“, sagt Graf über die aus seiner Sicht drohenden Folgen für Konsument:innen. Für ihn hängen Transparenz, Patentrechte und die Unabhängigkeit der Landwirtschaft eng zusammen. Denn je stärker der Zugang zu Saatgut und bestimmten Pflanzeneigenschaften eingeschränkt wird, desto schwieriger könnte es für kleinere Betriebe werden, eigenständig zu wirtschaften und neue Sorten zu entwickeln.
Frech-Emmelmann und Graf befürchten außerdem, dass eine zunehmende Konzentration am Saatgutmarkt die Vielfalt der angebauten Sorten weiter verringern könnte.





Was bedeutet samenfest?
ReinSaat im Waldviertel arbeitet mit samenfestem Saatgut. 1998 gründete Reinhild Frech-Emmelmann den Betrieb mit dem Ziel, samenfestes Saatgut zu erhalten und durch biologisch-dynamische Züchtung weiterzuentwickeln. Heute umfasst das Sortiment rund 850 Gemüse-, Kräuter- und Blumensorten.
Aus samenfesten Sorten lässt sich Saatgut gewinnen, das auch in der nächsten Generation wieder Pflanzen mit den charakteristischen Eigenschaften der Sorte hervorbringt. Landwirtschaftliche Betriebe können es somit selbst vermehren und für den weiteren Anbau nutzen.
„Eine Pflanze ist bei samenfesten Sorten selbst in der Lage, Saatgut hervorzubringen, aus dem Pflanzen mit denselben Eigenschaften wie die Mutterpflanze wachsen. Die Tochterpflanze ist wie die Mutterpflanze.”

Bei vielen kommerziell verbreiteten F1-Hybridsorten ist das anders. Ihre Nachkommen weisen häufig nicht mehr dieselben einheitlichen Eigenschaften auf. Wer weiterhin die gewünschte Sorte anbauen möchte, kauft deshalb üblicherweise neues Saatgut.
Für ReinSaat ist die Arbeit mit samenfesten Sorten daher auch eine Frage der Selbstbestimmung. Gleichzeitig ermöglicht sie, Pflanzen über Generationen hinweg an regionale Bedingungen anzupassen.
Warum ReinSaat bewusst auf Sortenschutz verzichtet
Besonders deutlich wird die Haltung des Unternehmens beim Umgang mit eigenen Neuzüchtungen. Obwohl ReinSaat viel Zeit und Geld in deren Entwicklung investiert, verzichtet der Betrieb bewusst darauf, Sortenschutz für diese Sorten zu beantragen.
„Wir machen keinen Sortenschutz auf unsere Züchtungen“, erklärt Graf. Die Sorten werden zwar offiziell registriert, sollen anschließend aber auch anderen zur Verfügung stehen. „Dadurch, dass wir das nicht tun, ist das Saatgut offen und steht dann jedem zur Verfügung“, sagt er. Auch die eigenständige Vermehrung und Weiterzüchtung sollen dadurch möglich bleiben.
Hinter diesem Ansatz steht die Überzeugung, dass pflanzengenetische Vielfalt nicht ausschließlich einzelnen Unternehmen vorbehalten sein sollte. ReinSaat möchte die Weiterentwicklung von Sorten ermöglichen.
Ein einfaches Geschäftsmodell ist das allerdings nicht. Laut Graf kann die Züchtung einer neuen Sorte acht bis zwölf Jahre dauern. Über viele Pflanzengenerationen hinweg werden Eigenschaften wie Geschmack, Ertrag, Widerstandsfähigkeit und Anpassungsfähigkeit geprüft und verbessert.

Vielfalt braucht Forschung und Unterstützung
Für Frech-Emmelmann und Graf ist die kontinuierliche Weiterentwicklung samenfester Sorten auch angesichts des Klimawandels entscheidend. Pflanzen müssen mit veränderten Niederschlagsmustern, Trockenheit und regional unterschiedlichen Bedingungen zurechtkommen.
„Wenn die Vielfalt stirbt, geht Kultur verloren.”
ReinSaat arbeitet deshalb an Sorten, die an solche Herausforderungen angepasst sind. Gleichzeitig kritisieren die beiden die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen der ökologischen Pflanzenzüchtung. Nach Angaben von Graf erhält ReinSaat in Österreich keine spezifische Förderung für die eigene Züchtungsarbeit. Die Kosten werden über den Verkauf des Saatguts getragen.
Frech-Emmelmann fordert deshalb mehr öffentliche Unterstützung für die professionelle Entwicklung samenfester Sorten. Denn die Arbeit an widerstandsfähigen, vielfältigen Kulturpflanzen sei für die langfristige Versorgung mit Lebensmitteln relevant.
Was Saatgut mit unserer Esskultur zu tun hat
Die Folgen einer schwindenden Sortenvielfalt reichen für die beiden weit über die Landwirtschaft hinaus. Wenn immer weniger Gemüse- und Kräutersorten angebaut werden, verändert sich auch das kulinarische Angebot. „Dann fallen auch Gerichte weg in der Gastronomie“, gibt Frech-Emmelmann zu bedenken. Denn Sorten unterscheiden sich in Farbe und Form ebenso wie in Aroma, Textur und Verwendung.
Hier sehen die beiden auch Gastronom:innen, Handel und Konsument:innen in der Verantwortung. Wer gezielt vielfältige Sorten nachfragt, schafft Absatzmöglichkeiten für Betriebe, die sie anbauen. ReinSaat möchte am Beispiel außergewöhnlicher Paprikasorten, Melanzani, asiatischen Kräutern oder regionalem Wintergemüse zeigen, welches Potenzial jenseits des standardisierten Angebots steckt.
Mit ihrer Arbeit bei ReinSaat wollen Frech-Emmelmann und Graf erreichen, dass landwirtschaftliche Betriebe auch künftig selbstbestimmt anbauen können. Die ganze Folge gibt es im Gaumen Hoch-Podcast „Übers Essen spricht man nicht”.

















