Wer den Hof von Bio Wollmilch Montafon betritt, spürt sofort: Hier geht es um mehr als Milch, Käse und Fleisch. Auf 1.150 Metern Seehöhe direkt an der Talabfahrt in Gaschurn bewirtschaften Stefan und Marisa ihren Bio-Schafbetrieb so konsequent und liebevoll, dass man kaum anders kann, als stehenzubleiben, hinzusehen – und zuzuhören.
„Ich sehe meine Kinder, meine Frau, meine Tiere – das ist für mich Glück.“
Eine Lebensgeschichte, die auf die Alm führt

Stefan ist Meistersenn, einer der wenigen im deutschsprachigen Raum. Aufgewachsen bei den Großeltern mit Landwirtschaft, verbrachte er seine Jugend auf Almen, wo er die Welt des Käsens entdeckte. Später leitete er renommierte Käsereien und war zusammen mit seinen nebenberuflichen Tätigkeiten Tag und Nacht im Einsatz. Doch irgendwann fehlte etwas Wesentliches. Die viele Arbeit forderte ihren Tribut – auch im familiären Bereich. Heute arbeitet er zwar genauso viel – aber am eigenen Hof, mit den Kindern nebenan, den Schafen im Stall und einer Frau, die seine Leidenschaft teilt. „Jetzt ist die Arbeit zu Hause und in den Familienalltag integriert. Ich sehe meine Kinder, meine Frau, meine Tiere – das ist für mich Glück.“
„Uns ist wichtig, dass alles direkt von uns kommt – vom ersten Handgriff bis zu den fertigen Produkten, die wir auch selbst vertreiben. So behalten wir die Qualität im Blick und die Menschen sehen, wie wir arbeiten.“
Vom Fleischschaf zur Milch – ein mutiger Schritt
2019 wurde der Familienbetrieb biozertifiziert, 2024 folgte die große Weichenstellung: weg von Fleischrassen wie Tiroler Bergschaf und Montafoner Steinschaf, hin zum Französischen Lacaune-Schaf – einer Milchschafrasse, die seit Jahrhunderten auf Milchleistung selektiert ist. Damit war der Grundstein gelegt für das, was Bio Wollmilch Montafon heute ausmacht: einen saisonalen Schafmilchbetrieb mit handwerklicher Tiefe und klarer Haltung. Mit Eis, Käse, Joghurt und Topfen aus Bio-Schafmilch haben sich Marisa und Stefan ein klares Alleinstellungsmerkmal in der Branche geschaffen. „Uns ist wichtig, dass alles direkt von uns kommt – vom ersten Handgriff bis zu den fertigen Produkten, die wir auch selbst vertreiben. So behalten wir die Qualität im Blick und die Menschen sehen, wie wir arbeiten. Wer bei uns am Hof vorbeischaut, spürt sofort, wie viel Herzblut in unserer Arbeit steckt.“
„Bei uns im Stall brauchst du einen guten Stand. Sobald du die Hand nach unten gibst, hast du fünf Lämmer im Arm.“

Tierwohl ist hier kein Wort, sondern ein Verhalten
Die rund 50 Schafe verbringen fast das ganze Jahr draußen, nur in den schneereichsten Wochen zieht die Herde verstärkt in den Stall: hell, neu gebaut, luftig, mit Hofkäserei und hofeigener Metzgerei. Die Lämmer bleiben 45 Tage bei den Müttern – trinken, schlafen, wachsen, bevor sie langsam in den nächsten Lebensabschnitt übergehen. Kulinarisch sind die Tiere bestens versorgt – sie bekommen ausschließlich bestes Bergblumenheu, welches in den Sommermonaten von der Familie selbst geerntet wird. Kraftfutter? Gibt es nur eine kleine Prise für die Mutterschafe. „Das ist ihre Schokolade“, schmunzelt Stefan. „Damit sie freiwillig und ohne zu zögern, auf den Melkstand kommen.“ Und dann ist da Marisa – Lehrerin, Hofmensch und Herz des Betriebs, die jeden Tag Zeit im Stall verbringt, streichelt, beruhigt und beobachtet. „Bei uns im Stall brauchst du einen guten Stand“, erzählt sie. „Sobald du die Hand nach unten gibst, hast du fünf Lämmer im Arm.“
„Wenn die Kinder mit leuchtenden Augen im Stall stehen und überall Lämmer um sich haben – dann weißt du, warum du das machst.“

Momente, die bleiben
Aktuell ist Ablammzeit. Jeden Tag kommen neue Lämmer zur Welt, manche früher als erwartet, und dann brauchen sie den vollen Einsatz von den beiden. Gerade im Moment wird ein Lamm mit der Flasche großgezogen und rennt jeden Morgen um fünf Uhr auf die jeweilige „Futterquelle“ zu – gesund, lebendig, voller Vertrauen. Für Marisa und Stefan sind das die schönsten Augenblicke: „Wenn dir die Lämmer im Gänsemarsch hinterherlaufen oder die Kinder mit leuchtenden Augen im Stall stehen und überall Lämmer um sich haben – dann weißt du, warum du das machst.“

Stressfreie Schlachtung
Die hofeigene Metzgerei liegt Tür an Tür mit dem Stall. Kein Transport, kein Treiben, keine Angst. Die Tiere stehen auf demselben Boden wie ihr ganzes Leben lang, werden gestreichelt und beruhigt. Im entscheidenden Moment passiert alles schnell und ohne Stress.
Wolle, Kreisläufe und der Wert des Einfachen
Die Lacaune-Schafe haben wenig Wolle – einen „lustigen Wollansatz“, wie Stefan sagt. Geschoren wird trotzdem zweimal im Jahr, damit sie nicht mit halbabgeworfenen Büscheln herumlaufen. Die Wolle wird kompostiert und als Dünger verwendet, die Felle zu 100 % gegerbt. Gleichzeitig experimentiert Stefan mit Wollisolierungen für Versandboxen – Nachhaltigkeit als Experimentierraum, nicht als Masche.
„Lebensmittel sind nicht teuer – sie waren noch nie so billig wie heute. Vor 40 Jahren haben die Menschen 48 Prozent ihres Jahreseinkommens für Lebensmittel ausgegeben, heute sind wir bei 10 Prozent, weil vieles andere vermeintlich wichtiger ist. Wenn wir das verstehen, verändert sich alles.“
Bio als Haltung – und als Herausforderung

Im Alltag der Familie ist Bio selbstverständlich: Im Kühlschrank liegt fast ausschließlich Bio-Ware, Gemüse kommt von der Bio-Kiste, alles andere entsteht am Hof selbst. Doch Stefan spricht auch offen über die Herausforderungen der Bio-Bürokratie: Naturschutzflächen, die seit Jahrzehnten nicht gedüngt wurden, gelten offiziell als konventionell. Eigene Zirbenzapfen sind „nicht biokonform“ – also muss er zertifizierte kaufen. Und es gibt noch mehr solche Beispiele, die ihn nachdenken lassen: „Bio ist wichtig – aber es gibt auch klare Fehler in der Umsetzung“, sagt er. „Trotzdem: Für uns ist es die einzig richtige Entscheidung.“
Ein Hof wächst weiter – und will Menschen berühren
2026 soll das 150 Jahre alte Elternhaus neben dem Stall umgebaut werden: außen historisch, innen Hofladen und Verkostungsraum. Herzstück wird ein 350 Jahre alter Kupferkessel sein, in dem Gäste ihren eigenen Käse rühren, essen, lachen – und begreifen, was Nahrung bedeutet. Es geht nicht um Masse. Es geht um Bewusstsein. Um das Erzählen. Um das Spüren. „Lebensmittel sind nicht teuer – sie waren noch nie so billig wie heute. Vor 40 Jahren haben die Menschen 48 Prozent ihres Jahreseinkommens für Lebensmittel ausgegeben, heute sind wir bei 10 Prozent, weil vieles andere vermeintlich wichtiger ist. Wenn wir das verstehen, verändert sich alles.“
Der Beitrag zu einer bewussteren Ernährung
Bio Wollmilch Montafon zeigt, wie Landwirtschaft aussehen kann, wenn Menschen mit Überzeugung arbeiten: langsam, nah, ehrlich. Nicht als Gegenentwurf zur Moderne – sondern als Erinnerung daran, was essenziell ist: gutes Essen, gute Haltung, gute Entscheidungen. Oder, wie Stefan es sagt: „Ich kann mit meinem Käse nicht die Welt retten. Aber ich kann Menschen daran erinnern, dass Essen mehr ist als satt werden.“

















