Wer im Supermarkt vor dem Weinregal steht, sieht sich einer Flut an Siegeln gegenüber. Das staatliche Logo von „Nachhaltig Austria“ findet sich auf immer mehr Flaschen. Österreich Wein (ÖWM) verweist auf eine stetigen Zunahme der zertifizierten Fläche. Aber reicht ein Punktesystem aus, um den Weinbau wirklich zukunftsfähig zu machen?
Die Komplexität der Siegel
Die Zertifizierung „Nachhaltig Austria“ ist ein digitaler Kompass. Sie misst den ökologischen Fußabdruck von der Ernte bis zur Logistik. Bei genauerem Hinsehen offenbaren sich Lücken: Kritische Praktiken wie der Einsatz von Herbiziden (lediglich 84 Prozent der zertifizierten Flächen kommen ohne diese aus) oder konventioneller Pflanzenschutz können durch positive Leistungen in anderen Bereichen – etwa eine Photovoltaikanlage am Dach – schlicht „gegengerechnet“ werden.
Wie funktioniert „Nachhaltig Austria“
„Nachhaltig Austria“ ist ein Gütesiegel des Österreichischen Weinbauverbandes, mit dem Winzer:innen die Nachhaltigkeit ihrer Betriebe bewerten und zertifizieren lassen können. Rund 400 Maßnahmen – von der Weingartenpflege über Traubenproduktion bis zur Weinvermarktung – werden in neun Kategorien wie Klima, Boden, Biodiversität und Soziales analysiert. Ein Online-Tool zeigt den Betrieben, welche Maßnahmen besonders nachhaltig sind und wo Verbesserungen möglich sind, unterstützt durch regelmäßige externe Kontrollen. Zertifizierte Betriebe dürfen das Siegel verwenden und profitieren so von Transparenz, Vergleichbarkeit und einer kontinuierlichen Weiterentwicklung ihrer nachhaltigen Praxis. Grundsätzliche Verbote von zum Beispiel Herbizideinsatz, wie es bei Bio-Siegeln üblich ist, gibt es nicht. Alle Kriterien im Überblick.
„Die Nachhaltig Austria-Zertifizierung sieht keine konkreten Verbots- oder Gebotslisten vor, sondern Zielvorgaben und als positiv und negativ eingestufte Maßnahmen je Nachhaltigkeitsbereich“, heißt es dazu von der ÖWM. Für Betriebe, die konsequent biologisch oder biodynamisch arbeiten, bleibt hier eine Unschärfe, die den Begriff Nachhaltigkeit zu verwässern droht. Wie vielschichtig die Antwort auf die Frage nach echter Nachhaltigkeit ausfällt, zeigen drei dagegen unterschiedliche Ansätze aus der Praxis.
Drei Perspektiven, ein Ziel
Sigrid Lehner, Bioweingut Lehner

Ausgehend von einer kritischen Haltung gegenüber dem Begriff selbst beschreibt Sigrid Lehner Nachhaltigkeit als etwas, das weit über gängige Schlagworte hinausgeht. Sie sieht den Begriff häufig „überstrapaziert und inflationär verwendet“ und warnt davor, dass er nicht selten für Greenwashing genutzt wird. Für sie bedeutet nachhaltiges Arbeiten vor allem, biodynamische Prinzipien als gelebte Praxis zu verstehen – als „Lebensweise“, die auf Achtsamkeit, Naturbeobachtung und Vertrauen in ökologische Kreisläufe basiert. Im Mittelpunkt steht dabei nicht der kurzfristige Ertrag, sondern die langfristige Sicherung von Boden und Umwelt – mit dem Ziel, Landwirtschaft auch in ferner Zukunft zu ermöglichen. Nachhaltigkeit zeigt sich für sie sowohl im großen Ganzen als auch im Detail des Alltags und schließt ausdrücklich auch soziale Verantwortung gegenüber Mitarbeitenden mit ein.
Viktor Fischer, Bioweingut Viktor Fischer

Mit einem pragmatischen und entwicklungsorientierten Zugang beschreibt Viktor Fischer Nachhaltigkeit als einen fortlaufenden Prozess. Bio ist für ihn „der erste Schritt in die Nachhaltigkeit“, doch entscheidend sei die kontinuierliche Reflexion der eigenen Arbeitsweise. Nachhaltigkeit bedeutet für ihn konkret, Abläufe zu optimieren, Ressourcen zu schonen und Alternativen zu finden – etwa durch leichtere Flaschen, weniger Traktorfahrten oder pilzwiderstandsfähige Rebsorten. Ein zentrales Leitmotiv ist dabei das Kreislaufprinzip: „Was wir der Umwelt nehmen, müssen wir ihr auch wieder zurückgeben.“ Gleichzeitig betont er die enge Verknüpfung mit wirtschaftlichen Realitäten und dem Konsumverhalten – nachhaltige Entwicklung im Weinbau könne nur gemeinsam mit bewussten Konsument:innen gelingen.
Birgit Braunstein, Familienweingut Braunstein

Für Biodiversitätsbotschafterin Birgit Braunstein steht ein ganzheitliches Naturverständnis im Zentrum ihres Nachhaltigkeitsbegriffs. Sie beschreibt den Weingarten als „lebendigen Organismus“, mit dem es im Einklang zu arbeiten gilt. Gesunde Böden und Biodiversität sind für sie die Basis für Qualität und authentische Weine mit Charakter. Darüber hinaus denkt sie Nachhaltigkeit bewusst weiter: Neben ökologischen Aspekten spielen auch soziale Faktoren eine wichtige Rolle, etwa die Lebensqualität der Menschen, die im Betrieb arbeiten oder die Weine genießen. Mit ihrem Green Care Auszeithof verbindet sie Weinbau mit Gesundheit, Begegnung und Inspiration. In ihrer Vision für die Zukunft wird deutlich, dass sie Nachhaltigkeit als umfassendes Konzept versteht, das Landwirtschaft, Ernährung, Gemeinschaft und Lebensfreude miteinander verbindet – „denn wo Nahrung wächst, kann auch Frieden und Gemeinschaft gedeihen.“
Zwischen Notwendigkeit und Nische
Die Bio-Weinbaufläche in Österreich ist so groß wie nie zuvor. Über 10.000 Hektar bedeuten 25 Prozent der Gesamtrebfläche des Landes. Beim, mit Vorsicht zu genießenden „Nachhaltig-Austria“-Siegel sind es mit jenseits der 12.000 Hektar sogar 28 Prozent. Das Bewusstsein und die Nachfrage wachsen stetig. Wichtig erscheint angesichts dieser Lage vor allem, wie Nachhaltigkeit künftig definiert und bewertet wird. Zwischen Zertifizierung und tatsächlicher Praxis können Unterschiede bestehen, die sich nicht immer im Punktesystem abbilden lassen. Während Siegel Orientierung bieten, zeigen die Ansätze einzelner Betriebe, wie unterschiedlich Nachhaltigkeit im Detail gelebt wird. Und welche Rolle dabei innovative Landwirt:innen spielen können, die über das Minimum hinausgehen.

















