„Papierstrohhalme sind das Schlimmste, was der Menschheit passieren konnte.“ „Wer hat sich das ausgedacht, im Getränk aufgeweichte Pappe zu trinken?“ Seit dem EU-weiten Verbot von Einweg-Plastikstrohhalmen 2021 ist der Papierhalm zu einem verlässlichen Ärgernis in sozialen Netzwerken geworden, mal ironisch, mal ernst gemeint beklagt. Der Vorwurf lautet fast immer gleich, er werde im Getränk matschig und schmecke nach Karton.
Nur, ist das tatsächlich das Problem? Auch Thilo Hofmann, Umweltchemiker an der Universität Wien, hat diese Ironie im Gaumen Hoch-Podcast auf den Punkt gebracht:
„Wir haben Plastikstrohhalme verboten, also haben wir jetzt einen Papierstrohhalm. Aber dass der Papierstrohhalm, wenn ich ihn ins Wasserglas stecke, nicht aufweicht, liegt daran, das er PFAS-imprägniert ist, also Ewigkeitschemikalien enthält. Aus diesem trinken wir jetzt unser Wasser.“
Der eigentliche Skandal
2023 hat ein Forschungsteam der Universität Antwerpen unter Leitung von Thimo Groffen 39 Trinkhalm-Marken aus dem belgischen Handel auf PFAS untersucht, veröffentlicht in der Fachzeitschrift „Food Additives and Contaminants“. Das Ergebnis, in 18 von 20 getesteten Papierhalmen fanden sich Ewigkeitschemikalien. Auch bei Bambushalmen war die Quote hoch, vier von fünf Proben belastet. Selbst Glashalme und Plastikhalme waren nicht durchgehend PFAS-frei, drei von vier Plastikhalmen und zwei von fünf Glashalmen enthielten die Stoffe ebenfalls. Nur eine Variante blieb in der Untersuchung durchgehend sauber, Edelstahlhalme.
Der Grund für die Chemikalien ist derselbe, der PFAS auch anderswo attraktiv macht, sie stoßen Wasser und Fett ab. Ein Papierhalm ohne Beschichtung würde binnen Minuten aufweichen, mit PFAS-Imprägnierung hält er länger durch.
Das vermeintliche Manko, das online für Spott sorgt, wäre technisch also durchaus lösbar, würde man auf die Chemie verzichten. Das eigentliche Problem liegt also nicht in der Konsistenz des Halms, sondern in dem, was ihn davor bewahrt, sich aufzulösen. „Eines der wirklich größten Umweltprobleme, die wir haben, weil es global ist“, nennt Hofmann das im Podcast.
Ein Muster, das sich wiederholt
Der Papierstrohhalm ist kein Einzelfall, eher ein Symptom. Wo immer Materialien Wasser oder Fett abweisen sollen, sind PFAS eine naheliegende, oft unsichtbare Lösung. Fastfood-Verpackungen, Pizzakartons und Popcorntüten funktionieren nach demselben Prinzip. Auch die Teflonpfanne gehört in diese Reihe, die Antihaftwirkung basiert auf denselben Fluorkunststoffen. Bei moderater Erhitzung gilt eine intakte Pfanne nicht als akut kritisch, problematisch wird es bei Überhitzung und vor allem bei der industriellen Herstellung, dokumentiert unter anderem im Spielfilm „Dark Waters“ über Missbildungen bei Kindern von Beschäftigten einer großen PFAS-Fabrik.

Auch außerhalb von Küche und Verpackung taucht die Stoffgruppe auf, in Eyelinern und anderen Kosmetikprodukten, in Imprägnierungssprays für Schuhe und Kleidung, in Outdoorjacken und zunehmend bei Möbeln. Rund 16.000 verschiedene chemische Additive sind laut Hofmann allein in Kunststoffen bekannt, PFAS ist nur eine Gruppe darunter, aber eine der langlebigsten. Wie flächendeckend die Belastung längst ist, bringt er im Podcast auf den Punkt:
„Es gibt niemanden in Österreich, wo wir, wenn wir eine Blutprobe nehmen, nicht PFAS messen.“
Einer Studie des Umweltbundesamts zufolge, auf die Hofmann im Gespräch verweist, liegen zwischen 20 und 25 Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen 2 und 18 Jahren über den gesundheitlichen Referenzwerten im Blut.
Nicht jede Alternative ist automatisch besser
Der Papierstrohhalm illustriert noch etwas anderes, den Reflex, ein verbotenes Material reflexhaft durch ein vermeintlich nachhaltigeres zu ersetzen, ohne die neue Lösung ebenso genau zu prüfen. Ähnliches gilt für den Bambusbecher, der in den vergangenen Jahren als plastikfreie Alternative galt. Tatsächlich besteht er meist aus einem Melaminharz mit geringem Bambusfaseranteil, das bei Hitze Formaldehyd freisetzen kann, weshalb viele Modelle den Hinweis „nicht spülmaschinengeeignet“ tragen, meist gut versteckt. Hofmann hat das im eigenen Umfeld erlebt, im Kindergarten seiner Kinder:
„Auf einmal wurden im Kidnergarten meiner Kinder die PE-Becher, böses Plastik, durch Bambusbecher ausgetauscht. Graus. Viel schlechter, viel ungesünder, viel mehr Stoffe, die in das Lebensmittel gehen.“
In diesem Fall schnitt laut Hofmann sogar der klassische PE-Becher besser ab als sein grün beworbener Nachfolger.
Was sich daraus für den Alltag ableiten lässt
Ein Strohhalm aus Edelstahl oder, wo es passt, gar keiner löst das Problem beim Trinkhalm zuverlässig. Bei Kochgeschirr sind Emaille und Glas Materialien, die grundsätzlich keine Stoffe an das Essen abgeben. Bei Outdoorkleidung, Schuhen und zunehmend auch Möbeln lohnt sich die gezielte Frage nach „PFC-frei“ oder „PFAS-frei“. Hofmann empfiehlt das im Podcast wörtlich als kleinen, aber wirksamen Hebel:
„Ich würde die Hörerinnen und Hörer bitten: Wenn ihr euch euch eine Outdoorjacke oder den Schuh kauft, fragt doch einfach: Habt ihr das auch PFAS-frei?“
Verantwortlich für die PFAS-Belastung sind laut Hofmann in erster Linie Hersteller und Regulierung, nicht einzelne Konsumentinnen und Konsumenten. Ein EU-weites Verbot nicht essenzieller Anwendungen wird derzeit verhandelt, eine Entscheidung der Europäischen Kommission wird für Ende 2026 oder Anfang 2027 erwartet. Bis dahin bleibt der Papierstrohhalm ein kleines, aber treffendes Beispiel dafür, dass die lauteste Beschwerde im Netz nicht immer die berechtigte ist. Aufgeweichte Pappe ist unangenehm. Was sie trocken hält, ist das eigentliche Ärgernis.
Häufig gefragt
Enthalten Papierstrohhalme PFAS? In einer belgischen Untersuchung von 2023 fanden sich in 18 von 20 getesteten Papierhalmen Ewigkeitschemikalien, verwendet, um das Aufweichen zu verhindern.
Welches Strohhalm-Material ist frei von PFAS? In derselben Untersuchung waren nur Edelstahlhalme durchgehend unbelastet, Glas- und Plastikhalme schnitten uneinheitlich ab.
Ist eine Teflonpfanne im Alltag gefährlich? Bei moderater Erhitzung gilt sie nach aktuellem Wissensstand nicht als akut kritisch, kritisch wird Überhitzung, größer ist zudem das Umweltproblem aus der Herstellung.
Woran erkenne ich PFAS-freie Produkte? An Kennzeichnungen wie „PFC-frei“ oder „PFAS-frei“, ansonsten hilft direktes Nachfragen im Fachhandel.
Über die Podcastfolge
Warum PFAS gefährlicher sind als Mikroplastik
Thilo Hofmann leitet den Lehrstuhl für Umweltgeowissenschaften an der Universität Wien und forscht seit Jahrzehnten zu Schadstoffen, Grundwasser und den Folgen neuer Materialien für Mensch und Umwelt, den Weg zur Mikro- und Nanoplastik-Forschung fand er über die Nanotechnologie. Im Gespräch ordnet er ein, wie gefährlich Mikroplastik über Nahrung und Atemluft tatsächlich ist, warum Reifenabrieb dabei eine größere Rolle spielt als Verpackungsmüll, und weshalb er PFAS, die sogenannten Ewigkeitschemikalien, für das eigentlich größere Problem hält. Aufgezeichnet wurde die Folge im Wiener Restaurant Wrenkh.


















