Was wir essen, beeinflusst nicht nur unsere eigene Gesundheit, sondern auch die Vielfalt jener Mikroorganismen, die in und auf uns leben – und damit langfristig auch Umwelt und Klima. Das Mikrobiom rückt Ernährung, Biodiversität und Gesundheit in einen gemeinsamen Zusammenhang.
Es gibt da ein neues Wort: „Gesundheitserreger“. Dank der renommierten Biologin Gabriele Berg zieht es immer weitere Kreise – und verdeutlicht, wie stark sich unser Verständnis von Bakterien und Viren gerade verändert. „Seit etwa 400 Jahren weiß die Mikrobiologie, dass es Mikroorganismen gibt, doch sie wurden in der Regel als etwas Gefährliches, als Krankheitserreger verstanden. Seit etwa Anfang der 2000er-Jahre wissen wir aber, dass Mikroorganismen weit mehr sind als das – sie können eben auch Gesundheitserreger sein“, sagt die gebürtige Potsdamerin. Grund dafür ist die Entdeckung des sogenannten Mikrobioms. Es wird auch das „vergessene Organ“ genannt und bezeichnet die Gesamtheit aller Mikroorganismen, die in und auf dem menschlichen Körper leben, einschließlich ihrer Gene, Funktionen und Auswirkungen. Dazu zählen vor allem Bakterien, aber auch Pilze, Archaeen, Protozoen und Viren.

Das Mikrobiom beeinflusst Verdauung, Immunsystem, Stoffwechsel, ja sogar unsere Stimmung – und ist damit nachweislich ein zentraler Baustein unserer Gesundheit. Was bedeutet das genau? Wie viel wissen wir heute über dieses immer noch unzureichend erforschte Organ? Und wie lässt sich seine Rolle für körperliche und psychische Gesundheit nach dem jetzigen Forschungsstand erklären?
Was das Mikrobiom wirklich ist
Zunächst einmal: Der Begriff Mikrobiom wird heute etwas unscharf verwendet. „Oft werden damit lediglich die Mikrobiota gemeint, also nur die Mikroorganismen an sich. Aber das Mikrobiom ist mehr als nur diese Mikroorganismen: Es meint auch ihre genetischen Informationen sowie die Wechselwirkungen mit ihrer jeweiligen Umwelt“, erklärt Berg. In diesem Sinne ist das Mikrobiom ein komplexes ökologisches System, das Organismus und Mikroben untrennbar verbindet – übrigens nicht nur im menschlichen Körper: „Die Wissenschaft weiß seit über 100 Jahren, dass mikrobielle Gemeinschaften an den Wurzeln der Pflanzen das Wachstum fördern und die Gesundheit stärken.
Diese Erkenntnis führte in den 1980er Jahren zum Begriff Mikrobiom – interessierte aber nur die Fachwissenschaft. Dadurch, dass aber seit der Jahrtausendwende neue molekularbiologische Methoden es ermöglichen, die Mikrobiota viel vollständiger und präziser zu erfassen, konnte sich das Feld der Mikrobiomforschung auf den Menschen ausweiten.
Ernährung als Schlüsselfaktor
„Je vielfältiger wir essen, desto vielfältiger und resilienter ist unser Mikrobiom.“
Und siehe da, plötzlich interessiert das die Leute wie verrückt“, sagt Berg. Kein Wunder: Die Optimierung des Mikrobioms – und damit der eigenen Gesundheit – kann jede und jeder selbst in die Hand nehmen. Vor allem durch die Ernährung.
Die Entdeckung des Darms als Hauptort unserer Mikrobiota gibt der Ernährung neuen Stellenwert – eine der bahnbrechendsten Erkenntnisse der letzten 20 Jahre.
Der größte Teil der Mikrobiota befindet sich im Darm, vor allem im Dickdarm. Dort leben schätzungsweise über 100 Billionen Mikroorganismen. Das ist mehr als alle menschlichen Körperzellen zusammen. Das Darmmikrobiom ist auch das artenreichste und stoffwechsel-aktivste aller mikrobiellen Lebensräume im Körper. Andere Körperregionen – etwa die Haut, der Mund oder die Atemwege – haben übrigens ebenfalls Mikrobiota, aber in geringerer Menge und Vielfalt.

Dass der Darm als wichtigster Ort für unsere Mikrobiota entdeckt worden ist, verlieh unserer Ernährung einen neuen Stellenwert. „Das ist sicher eine der bahnbrechendsten Erkenntnisse der letzten 20 Jahre“, erklärt Berg. „Denn früher war es ein Gemeinplatz – und es steht immer noch in vielen Lehrbüchern so –, dass im Magen durch die Magensäure alle Mikroorganismen abgetötet werden. Heute wissen wir, dass das nicht so ist. Wie sich welche Mikroorganismen im Darm ansiedeln, kann die Wissenschaft seit einigen Jahren ziemlich sinnvoll beantworten.“ Was wir heute auch wissen: Wie entscheidend die Muttermilch und die ersten – frischen! – Lebensmittel für Säuglinge und Kleinkinder sind, aus denen sich ein wesentlicher Teil des Darmmikrobioms rekrutiert. „Ab dem dritten Lebensjahr ist es dann relativ stabil“, sagt Berg. Und doch: Ob jetzt durch Krankheiten, starke Antibiotika oder aus anderen Gründen – es gibt auch für Erwachsene die Möglichkeit zur Neukolonialisierung, also Fütterung, von Mikrobiota. Das Zauberwort lautet hier: Vielfalt.
Vielfalt statt Kontrolle
Die Gesamtzahl der Mikroorganismen bleibt dabei relativ konstant. „Veränderungen entstehen vor allem in ihrer Zusammensetzung – also in der Vielfalt der Arten, die miteinander leben“, erklärt Berg. „Je vielfältiger wir essen, desto vielfältiger und resilienter ist unser Mikrobiom.“ Sinkt diese Diversität, verschwinden viele kleine Gemeinschaften, während sich wenige dominante Arten stark vermehren. Dadurch verliert das Mikrobiom an Widerstandskraft, was die Entstehung bestimmter Krankheiten begünstigen kann.
„Heute wissen wir auch, dass viele chronische Krankheiten ihren Ursprung in der mangelnden Vielfalt des Mikrobioms haben können – und da spreche ich nicht nur von rein physischen Krankheiten.“
„Heute wissen wir auch, dass viele chronische Krankheiten ihren Ursprung in der mangelnden Vielfalt des Mikrobioms haben können – und da spreche ich nicht nur von rein physischen Krankheiten. Denn unsere Mikroorganismen im Darm produzieren auch essenzielle Stoffe wie Hormone und Botenstoffe für unser Gehirn. Rund 80 Prozent des Serotonins – dem Botenstoff, der unter anderem unsere Stimmung und unser Wohlbefinden beeinflusst – werden von Darmbakterien produziert“, weiß Berg.
Das Mikrobiom beeinflusst Verdauung, Immunsystem, Stoffwechsel, ja sogar unsere Stimmung – und ist damit nachweislich ein zentraler Baustein unserer Gesundheit.
Mikrobiom, Umwelt und One Health
Klingt so, als wäre eine vielfältige Ernährung ein Wundermittel gegen alles – oder? Gabriele Berg warnt davor, den Themenkomplex rund ums Mikrobiom so verkürzt zu sehen. „Entscheidend für unser Mikrobiom sind nicht nur die Lebensmittel, sondern auch unsere Lebensräume.“
Berg spricht damit die Verletzlichkeit unseres Mikrobioms an. Mikroplastik, Pestizidrückstände, Ewigkeitschemikalien, Luftverschmutzung, ausgehungerte Böden – all das belastet die Qualität der mikrobiellen Gemeinschaften.
„Es ist eben mehr als nur eine Schleimhaut, die mit fermentierten Lebensmitteln versorgt werden muss“, sagt Berg. Auch deswegen spricht sie vom sogenannten „One Health“-Zugang. „Die Gesundheit der Menschen, der Pflanzen, der Tiere und des Bodens sind laut dieser immer wichtiger werdenden Lehre eng miteinander verknüpft“, erklärt Berg.

„Die planetaren Krisen wie die Klimakrise oder die Biodiversitätskrise wirken sich – und zwar nachweislich – auf kleinste Mikroorganismen in unserem Darm aus.“
„Und man kann es sogar noch darüber hinausdenken, indem man es auf unseren Planeten ausweitet. Denn die planetaren Krisen wie die Klimakrise oder die Biodiversitätskrise wirken sich – und zwar nachweislich – auf kleinste Mikroorganismen in unserem Darm aus.“
Auch die Klimakrise oder die Biodiversitätskrise wirken sich direkt auf kleinste Mikroorganismen in unserem Darm aus.
Gewiss: Das mag trostlos klingen, doch genau das Bewusstsein darüber, wie eng die angeschlagene Gesundheit unserer Umwelt mit unserer eigenen verknüpft ist, lässt uns – auch als Konsumierende – die richtigen Schlüsse ziehen. Bedeutet: auf echte, frische, nachhaltig produzierte Bio-Lebensmittel setzen.

Buchtipp
Das Kochbuch für ein langes, gesundes Leben: Rezepte, die das Darm-Mikrobiom stärken
Essen wir eine möglichst große Vielfalt an Pflanzen pro Woche, tun wir unserem Mikrobiom und Immunsystem nachweislich Gutes und können weit verbreiteten Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Übergewicht, Krebs und Depressionen vorbeugen. Katharina Seiser hat neben eigenen Rezepten für dieses Buch vegane und vegetarische Gerichte von beliebten Köch:innen ausgewählt und zwei renommierte Wissenschaftlerinnen hinzugezogen.
Erschienen im Brandstätter Verlag.
ISBN 978-3-7106-0863-6, Format: 19,5 × 24,5 cm, 224 Seiten, Hardcover
„Das ist ja die gute Nachricht: Eine nachhaltige, biologische und vorwiegend pflanzenbasierte Ernährung kann uns und unserem Planeten so viel Gutes tun“, sagt Berg, die mit ihren Studien noch lange nicht am Ende ist. „Es gibt noch so viel Unerforschtes an unserem Mikrobiom, vor allem, was die psychische Gesundheit betrifft. Deswegen forschen wir weiter – weil wir wissen, dass die Ergebnisse nicht nur uns als Menschen weiterbringen, sondern auch unsere bedrohten Lebensräume.“

Ein Artikel aus unserem neuen
Kulinarikmagazin.
Mit dem Magazin Gaumen Hoch hält eine kulinarische Stimme Einzug, die Genussmenschen und Bewusste gleichermaßen inspiriert und informiert. Hier trifft intellektuelle Neugier auf die Freude am guten Essen: Das Magazin lädt ein zu einer Entdeckungsreise durch die Welt gesunder, saisonaler und biologisch-regionaler Lebensmittel. Es stellt Pionier:innen vor, die mit Leidenschaft Wandel gestalten, und bietet Orientierung im Dschungel der Nachhaltigkeitslabels. Ob inspirierende Rezepte, kluge Einblicke in aktuelle Entwicklungen oder Porträts engagierter Persönlichkeiten: Gaumen Hoch verbindet Wissensdurst mit Lebenslust und macht nachhaltigen Genuss zum Erlebnis für Kopf und Gaumen.
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