Als Dr. Ibrahim Abouleish 1977 mit seiner Familie Österreich verließ und nach Ägypten zurückkehrte, war sein Plan ambitioniert: Mitten in der Wüste sollte ein landwirtschaftliches Projekt entstehen – nach biologisch-dynamischen Prinzipien. Viele hielten das Vorhaben für unrealistisch. Doch für Abouleish ging es um mehr als Landwirtschaft. Er wollte Antworten auf Herausforderungen finden, die er in Ägypten beobachtete: Umweltprobleme, steigenden Druck auf Ressourcen und fehlende Zukunftsperspektiven.
In unserer nächsten Podcast-Folge am 27. Mai 2026 sprechen wir mit Helmy Abouleish, dem heutigen Leiter von SEKEM, über dieses außergewöhnliche Projekt.
Aus diesem Schritt entstand SEKEM. Was mit einem Brunnen und ersten Feldern begann, entwickelte sich über Jahrzehnte zu einem Projekt, das heute mehr als 70.000 Bäuerinnen und Bauern in ganz Ägypten erreicht. Auf den Feldern wachsen heute unter anderem Heilkräuter, Gewürze, Datteln und Baumwolle – alles nach Demeter-Standard angebaut. Kräutertees und Textilien aus Bio-Baumwolle finden ihren Weg auch nach Europa, vor allem nach Deutschland.
SEKEM ist eine biologisch-dynamische Landwirtschaftsinitiative in Ägypten, gegründet 1977 von Ibrahim Abouleish. Das Projekt verbindet Landwirtschaft, Bildung und Sozialunternehmertum und gilt als eines der weltweit bekanntesten Modelle nachhaltiger Agrikultur. Im Gaumen Hoch-Podcast spricht Gaumen Hoch-Gründering Alexandra Seyer-Gmeinbauer mit Helmy Abouleish, Sohn des Gründers und heutiger Leiter von SEKEM, über dieses außergewöhnliche Projekt.
Ein Traktor und ein Klavier
Eine Geschichte aus den Anfangsjahren beschreibt die Idee hinter SEKEM bis heute besonders anschaulich. Nachdem Wasser und Strom verfügbar waren, trafen zwei Lieferungen ein: ein Traktor – und ein Klavier.

Der Traktor sollte helfen, die Wüste urbar zu machen. Das Klavier stand für etwas anderes: für Kultur und die Überzeugung, dass sich Fortschritt nicht allein in Produktion messen lässt. Ein Gedanke, der SEKEM bis heute wie eine Art Leitsatz prägt.

Warum SEKEM von Agrikultur spricht
Für Helmy Abouleish, Sohn des Gründers und heutiger Leiter des Projekts, beschreibt der Begriff Landwirtschaft nur einen Teil dessen, was Bäuerinnen und Bauern leisten.
„Wir brauchen eine neue Wirtschaft, eine Wirtschaft, die statt auf Konkurrenz und Krieg und eigenem Vorteil auf Liebe, Empathie und Solidarität aufgebaut ist.“
SEKEM spricht stattdessen von „Agrikultur“. Dahinter steht die Vorstellung, dass Landwirtschaft nicht nur Nahrungsmittel produziert, sondern auch Einfluss auf Wasser, Klima, Biodiversität und gesellschaftliche Entwicklung nimmt. Landwirtschaft wird damit zur Kulturleistung – womit der Traktor vom Anfang dem Klavier näher sein könnte, als es auf den ersten Blick zu sein scheint.
Die biodynamische Landwirtschaft war dabei von Beginn an zentral. Ein kompliziertes Unterfangen, musste sie doch an die Bedingungen der Wüste angepasst werden. Im Fokus standen Kompost, Fruchtfolgen und Methoden, die den Boden langfristig stärken sollten.
Wirtschaft soll dem Menschen dienen
Neben der Landwirtschaft entwickelte Ibrahim Abouleish eine Idee, die SEKEM bis heute begleitet: die „Wirtschaft der Liebe“. Gemeint ist eine Wirtschaftsweise, die nicht ausschließlich Wettbewerb und Effizienz in den Mittelpunkt stellt, sondern menschliche Entwicklung.
Dieser Gedanke zeigt sich auch im Alltag. Mitarbeitende treffen sich morgens in Gesprächskreisen, kulturelle Angebote gehören zum Arbeitsumfeld und Beschäftigte erhalten Zeit für persönliche Interessen.
„Wenn man über Landwirtschaft redet, denkt man sofort Wirtschaft und tut damit der ganzen Agrikultur eigentlich nicht recht.“
Im Laufe der Jahre entstanden so neben dem ursprünglichen Betrieb Schulen, Krankenhäuser und eine eigene Universität. Dort werden unter anderem organische Landwirtschaft, erneuerbare Energien oder Social Entrepreneurship vermittelt.
Vom Leuchtturm zur Bewegung
Eine beeindruckende Leistung, die nicht unbeachtet blieb: SEKEM erhielt in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche internationale Auszeichnungen. Ein Erfolg, auf dem man sich aber nicht ausruhen möchte. Stattdessen entstand innerhalb des Projekts irgendwann eine große Frage: Warum bleiben viele Initiativen Vorzeigeprojekte und schaffen den Schritt in die Breite nicht?

Es wird also weitergedacht. Ein Ansatz sind Kohlenstoffzertifikate. Kleinbäuerinnen und Kleinbauern sollen für Leistungen entlohnt werden, die über Erträge hinausgehen; etwa für CO₂-Bindung oder regenerative Bewirtschaftung.
Für Helmy Abouleish zeigt sich dabei etwas Entscheidendes: Nicht allein finanzielle Anreize seien ausschlaggebend. Anerkennung, Gemeinschaft und eine Perspektive spielten oft eine ebenso wichtige Rolle. Fast fünf Jahrzehnte nach den ersten Schritten in der Wüste bleibt damit eine Frage bestehen: Was passiert, wenn Landwirtschaft nicht nur Erträge liefern soll, sondern Zukunft gestalten will?

















