Food-Innovation geht nur gemeinsam

Warum nachhaltige Ernährungssysteme Infrastruktur brauchen – und nicht nur gute Ideen.
von Anna Gugerell
© Paradeisa

Wer in Österreich ein Food-Projekt startet, braucht heute meist mehr als ein gutes Produkt. Denn viele Initiativen scheitern nicht an mangelnder Motivation, sondern an denselben Fragen: Wie organisiert man Vertrieb, Logistik oder Lagerung? Wie findet man Produzentinnen und Produzenten? Und wie verhindert man, dass jede Idee wieder bei null beginnt? 

„Das Problem ist: Jeder erfindet das Rad ständig neu“, meint Gründer Markus Sitek. „Man arbeitet drei Jahre an einer Idee, dann geht die Kraft aus und der Nächste fängt von vorne an.“ Genau hier setzte die Sustainable Food Systems Initiative (aws SFSI) der Austria Wirtschaftsservice Gesellschaft an: weniger als ausschließlich klassische Förderstelle, sondern vielmehr auch mit dem Anspruch, Akteur:innen aus Landwirtschaft, Verarbeitung, Handel, Gastronomie und Zivilgesellschaft miteinander zu vernetzen. „Viele innovative Ansätze im Ernährungssystem sind bereits vorhanden. Entscheidend ist, dass sie Wirkung entfalten können. Als aws unterstützten wir genau diesen Schritt – indem wir Pionierprojekte stärkten um ihre Ansätze im System anschlussfähig zu machen“, erklärt aws-Geschäftsführer Gerfried Brunner.

© Agnes Neubauer
Die Weitergabe von Wissen über Land und Boden gehört zu einer erfolgreichen Übergabe dazu.

Denn Ernährungssysteme funktionieren nicht isoliert. Wer regionale Bio-Lebensmittel verkaufen will, braucht funktionierende Lieferketten. Wer Lebensmittelverschwendung reduzieren will, muss Verarbeitung, Handel und Konsum zusammendenken. Und wer Höfe erhalten möchte, braucht Menschen, die sie übernehmen wollen.

Paradeisa organisiert den Wocheneinkauf neu

© Paradeisa

Markus Sitek kennt diese Herausforderungen aus der Praxis. 2018 gründete er „Paradeisa“, eine Plattform für Ab-Hof-Einkäufe im Raum Wien.

Was früher mehrere Fahrten zu unterschiedlichen Betrieben bedeutete, wird dort zu einem zentral organisierten Wocheneinkauf: Über paradeisa.at können Konsument:innen Produkte von mittlerweile mehr als 60 Produzentinnen und Produzenten bestellen – von Gemüse über Käse bis zu Getränken und Ölen. Die fertigen Bestellungen werden anschließend an Abholmärkte in Wien geliefert.

Der organisatorische Aufwand dahinter ist allerdings erheblich. Gerade kleine landwirtschaftliche Betriebe verfügen oft nicht über eigene Vertriebsstrukturen oder Lieferlogistik. Genau solche Lücken versucht Paradeisa zu bündeln. „Wir haben den Luxus, dass es in Wien noch Landwirtschaft gibt“, sagt Sitek. „Ich möchte Lebensmittel kleiner Betriebe zugänglich machen und zu fairen Preisen anbieten.“

Mit Unterstützung der aws Sustainable Food Systems Initiative baut Paradeisa derzeit einen zweiten Hub auf. Gleichzeitig entstanden neue Kooperationen innerhalb des Netzwerks – etwa mit dem Bio-Landwirt Alfred Grand, der Food-Genossenschaft morgenrot oder dem Pilzproduzenten Hut & Stiel.

Für Sitek liegt genau darin die eigentliche Stärke solcher Programme: „Es ist wichtig, dass man Wissen teilt und nicht alles allein lösen muss.“

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Paradeisa-Gründer Markus Sitek ist der direkte Kontakt zu Landwirt:innen ein Anliegen.

Wenn Höfe keine Nachfolge finden

Dass Vernetzung nicht nur im Vertrieb entscheidend ist, zeigt auch das Projekt „Perspektive Landwirtschaft“. Die Initiative beschäftigt sich mit außerfamiliärer Hofnachfolge, also mit der Frage, was passiert, wenn landwirtschaftliche Betriebe keine Nachfolger:innen innerhalb der Familie finden.

Das Problem betrifft längst nicht mehr nur einzelne Höfe. Viele Betriebe stehen vor der Aufgabe, Flächen, Wissen und Infrastruktur weiterzugeben, während gleichzeitig Menschen Landwirtschaft betreiben möchten, aber keinen eigenen Hof besitzen. „Perspektive Landwirtschaft“ versucht deshalb, beide Seiten zusammenzubringen.

© Perspektive Landwirtschaft
Das Team von Perspektive Landwirtschaft.

Mithilfe der Förderung konnte die Organisation ihren digitalen Auftritt weiterentwickeln und einen Flächenfinder integrieren. Gleichzeitig floss Geld in interne Strukturen – ein Bereich, der in klassischen Förderprogrammen oft schwer finanzierbar ist. „Wir konnten uns als Organisation stabiler aufstellen“, sagt Julia Moser von Perspektive Landwirtschaft. „Gerade solche relevanten Entwicklungsschritte werden sonst selten gefördert.“

Auffällig ist dabei, wie stark sich viele Projekte bereits untereinander kennen. Initiativen wie MILA oder Hut & Stiel waren schon vor der Förderung Teil gemeinsamer Netzwerke. Die aws-Initiative baut also weniger völlig neue Strukturen auf, sondern versucht bestehende Akteur:innen miteinander arbeitsfähig zu machen.

Warum Netzwerke im Food-System komplex sind

Genau darin liegt allerdings auch die Herausforderung. Ernährungssysteme verbinden Landwirtschaft, Verarbeitung, Logistik, Handel, Gastronomie und Konsum, also Bereiche, die oft völlig unterschiedlich funktionieren und wirtschaftlich unter Druck stehen.

Während Start-ups auf Wachstum ausgerichtet sind, arbeiten kleine landwirtschaftliche Betriebe oft mit knappen personellen Ressourcen. Gleichzeitig treffen hohe ökologische Ansprüche auf Preisdruck entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

Sabine Pümpel, Initiatorin und Leiterin der aws Sustainable Food Systems Initiative, beschreibt das Feld deshalb als bewusst breit angelegt: „Viele der entscheidenden Innovationen entstehen heute in Nischen und Pionierprojekten. Unser Ziel war es, diese früh zu stärken – nicht nur finanziell, sondern durch Vernetzung, Sichtbarkeit und gezielten Know-how-Transfer im System.“

Die finanzielle Förderung sei dabei nur ein Teil des Ansatzes. Ebenso wichtig sei es gewesen, Räume zu schaffen, in denen sich Projekte überhaupt begegnen können. Denn viele Probleme ähneln sich: fehlende Infrastruktur, Lebensmittelverluste oder mangelnder Wissenstransfer entlang der Wertschöpfungskette.

© Agnes Neubauer
Das Lebenswerk weiterzugeben ist für viele Landwirt:innen bei Perspektive Landwirtschaft oft wichtiger als die ökonomische Komponente.

Wie Probleme zuerst definiert und dann gelöst werden

Im Rahmen eins breitangelegten Problem-Crowdsourcings wurden 22 vorrangige Problemfelder – als konkrete Startpunkte für Innovationen – im österreichischen Ernährungssystem identifiziert. Drei Themen rückten dabei besonders in den Mittelpunkt:

  1. fehlende Daten- und Infrastruktursysteme entlang der Lebensmittelwertschöpfungskette 
  2. Lebensmittelverluste in Produktion, Handel und Konsum 
  3. mangelnde Ernährungsbildung und fehlender Wissenstransfer 


Im Juni 2026 wurden dazu in einer gemeinsamen Co-Creation konkrete Lösungsansätze entwickelt.
Die mittlerweile 57 geförderten Projekte zeigen laut Sabine Pümpel dabei vor allem eines: „Nachhaltige Ernährungssysteme brauchen mehr als gute Produkte – sie brauchen auch unterstützende Strukturen. Wir verstehen uns hier mit der aws Sustainable Food Systems Initiative als Impulsgeberin, die Innovation dort ermöglicht, wo neue Formen der Zusammenarbeit vielleicht erst entstehen müssen.“ Entscheidend wird zunehmend die Frage, wie Zusammenarbeit zwischen Landwirtschaft, Verarbeitung, Logistik, Handel und Gastronomie organisiert wird. Kurz gesagt: Dieses Thema lässt sich nur gemeinsam weiterentwickeln.

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