Babynahrung zählt zu den sensibelsten Lebensmitteln der Welt. Umso größer ist die Verunsicherung, wenn ausgerechnet Säuglingsmilch wegen eines nachgewiesenen Toxins (Cereulid) zurückgerufen werden muss. Besser wird es dann auch nicht, wenn der Ursprung in einer weit entfernten Produktionsstätte liegt. Gleich mehrere große Hersteller, wie Danone und Nestlé, bezogen Berichten zufolge kontaminiertes ARA-Öl aus derselben Fabrik im chinesischen Wuhan. Das Öl gilt dank seiner langkettigen Omega-6-Fettsäuren als Zusatzstoff, der Säuglingsmilch „muttermilchähnlicher“ machen soll – und entsprechend beworben wird.

Deutlich wird in diesem Fall die enge Verflechtung von Sicherheit, Kosten und globaler Arbeitsteilung. Tritt eine Verunreinigung, wie in diesem Fall, früh in der Wertschöpfungskette ein, erreichen die Folgen globale Ausmaße. Gerade komplex organisierte, internationale Lieferketten zeigen dabei ihre Achillesferse: Was ökonomisch Effizienz schafft, erhöht zugleich die Fehleranfälligkeit und erschwert es, Risiken rasch zu erkennen und einzugrenzen. Eine Erkenntnis, die vor allem zwei Fragen aufwirft: Warum legen selbst Produkte für Neugeborene tausende Kilometer zurück? Und ist wirklich entscheidend, wie weit ein Lebensmittel reist – oder vielmehr, wie transparent und resilient seine Lieferkette organisiert ist?
Wissen, woher es kommt: Das ist es, was immer mehr Konsument:innen wissen wollen. Doch zwischen Herkunft und Supermarktregal liegt oft ein komplexes System aus Zwischenhändlern, spezialisierten Verarbeitern und globalen Warenströmen – Lieferketten, die nicht selten verzwickt, intransparent und bisweilen skurril wirken.
„Jedenfalls sind sie verzwickt“, sagt Isabella Gusenbauer. Die Umweltwissenschaftlerin ist am Forschungsinstitut für biologischen Landbau Österreich (FIBL) verantwortlich für Nachhaltigkeitsbewertung in der Lebensmittelwertschöpfungskette – und relativiert: „Internationale Lieferketten sind nicht per se schlecht, solange sie resilient und nachhaltig sind.“ Was heißt das genau? Woran liegt es, dass die Lieferketten im Lebensmittelbereich so verzwickt sind? Und wann – und warum – sind sie es nicht?
Spezialisierung als verhängnisvolles Spezifikum
„Der Großteil der Lieferketten ist breiter und größer als viele glauben“, sagt Gusenbauer. „Weil die meisten Lebensmittel, die Konsumentinnen und Konsumenten in Europa zu sich nehmen, aus der Lebensmittelindustrie kommen – und nicht von Bäuerinnen und Bauern, die ihr Gemüse zum Supermarkt bringen, wo es dann verkauft wird. So einfach ist es in den seltensten Fällen.“
Denn wer Lebensmittelindustrie sagt, sagt auch Spezialisierung. Und genau diese Spezialisierung auf einzelne Verarbeitungsschritte sorgt für Intransparenz. Diese ist zwar – zumindest noch – legal, aber für viele Konsumentinnen und Konsumenten eben ärgerlich und nicht nachvollziehbar.

Ein Beispiel: Olivenbäuerinnen und -bauern, die ihre Oliven selbst pressen, um Olivenöl herzustellen, das selbst abgefüllt und dann verkauft wird, sind mittlerweile die Ausnahme. Vielmehr werden Ernte, Verarbeitung, Abfüllung, Etikettierung und Transport von unterschiedlichsten Playern der Olivenölindustrie übernommen, die sich im Sinne der Effizienz auf jeden einzelnen dieser Produktionsschritte spezialisiert haben.
Das Ergebnis ist genauso bekannt wie umstritten: Olivenöle (auch Bio!), auf denen steht: „Olivenöl aus EU-Landwirtschaft“. Nicht nur die Wertschöpfungskette bleibt für Konsumentinnen und Konsumenten hier im Dunkeln, sondern auch, woher das Olivenöl letztlich geliefert wurde. Dass es sogar Olivenölgemische aus EU- und Nicht-EU-Ländern gibt, zeigt, dass umständlichen Wertschöpfungs- und Lieferketten offenbar überhaupt keine Grenzen gesetzt sind. Dasselbe gilt für viele andere Lebensmittel wie etwa Honig – ganz zu schweigen vom wachsenden Markt an Fertigprodukten wie etwa Tiefkühlpizzen oder frittierten Fleisch- oder Fischtiefkühlprodukten.
Von Getreide und Schmetterlingen
So vernetzt und verflochten die internationale Lebensmittellieferkette auch sein mag – sie ist gerade deswegen auch sehr fragil. Gusenbauer und andere Expertinnen und Experten sprechen hier von einer „fehlenden Resilienz“, also einem Lieferkettensystem, das nicht ausreichend krisenfest ist. Eben gerade, weil die Spezialisierung der einzelnen Arbeitsschritte auf mehrere Player und damit auch viele Zwischenlieferwege angewiesen ist. Was ökonomisch als Effizienzgewinn gilt, kann demnach aus Sicht der Lebensmittelsicherheit zur Schwachstelle werden: Je komplexer und internationaler ein System organisiert ist, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass Fehler an einer frühen Stelle lange unentdeckt bleiben und sich im Ernstfall global vervielfachen.

Wie fragil die internationalen Lieferketten im Lebensmittelbereich sein können, fand 2023 das Supply Chain Intelligence Institute Austria (ASCII) in einer beeindruckenden Studie heraus: So wurde anhand von simulierten Produktionsschocks in der ukrainischen Getreideproduktion festgestellt, dass Ausfälle in der ukrainischen Maisproduktion einen Rückgang von 13 Prozent bei der Verfügbarkeit von Schweinefleisch in Südeuropa bedeuten würden, während ein vollständiger Ausfall der ukrainischen Landwirtschaftsproduktion in verschiedenen Ländern weltweit bis zu 25 Prozent an Verlusten (etwa bei Geflügelfleisch in bestimmten Szenarien) nach sich ziehen würde.
Die Lieferkettenthematik hat etwas vom berüchtigten Schmetterlingseffekt: Lokale Produktionsbedingungen können Tausende von Kilometern entfernt für Chaos sorgen. Aber sind internationale Lieferketten für Lebensmittel deswegen alle automatisch schlecht? Nein, findet Isabella Gusenbauer.
Kaffeebohnen zeigen, wo’s lang geht
„Wir sehen beispielsweise in der Kaffeeproduktion, dass es durchaus resiliente und nachhaltige Lieferketten geben kann“, so die Expertin. „Da gibt es Kooperativen, die die gesamte Lieferkette selbst mit den Bäuerinnen und Bauern aufsetzen. Diese wird also von einer Hand im Sinne aller geplant. Als Konsument:in kann man bei diesen Kooperativen online nachschauen, welche Landwirtschaft wo und wie produziert, wie mit den Bohnen gehandelt wird. Da gibt es auch Kooperativen, bei denen es darum geht, dass sie etwa von Frauen geführt werden und die Bildung fördern.“

Ein Beispiel, das zeigt: Lange Lieferketten können in vielerlei Hinsicht durchaus nachhaltiger sein als solche, die – siehe Olivenöl oder Honig – innerhalb der EU herumirren. Es geht eben auch hier um Transparenz, die das Sinnvolle klar kommuniziert. Und letzten Endes sicher sein muss – für Erwachsene und für Babys gleichermaßen.


















