Wie viele Krisen braucht es noch?

Wir müssen uns eingestehen: Unser Lebensmittelsystem ist zum Risikofaktor geworden. Es ist Zeit, das Problem an der Wurzel zu packen.
von Alexandra Seyer-Gmeinbauer
Düngemittel
© Canva

In den vergangenen Jahren der Krisen, Kriege und Inflation ist es schon beinahe zum Normalzustand geworden: Globale Lieferketten brechen teils temporär, teils längerfristig zusammen, die Energiepreise schwanken mit deutlichem Aufwärtstrend, die Sorge um steigende Lebensmittelkosten grassiert. Aktuell setzt der Krieg im Nahen Osten der heimischen Landwirtschaft zu. Seit dem Angriff auf den Iran und der Schließung wesentlicher Transportrouten – allen voran der Straße von Hormus – schießen die Preise für Düngemittel erneut in die Höhe, und damit einhergehend wächst die Sorge vor Engpässen und steigenden Lebensmittelpreisen.  

Teure Düngemittel setzen nicht nur die Landwirtschaft unter Druck, sondern auch andere Akteur:innen entlang der Wertschöpfungskette. Das Ergebnis schlägt sich schlussendlich auf dem Preiszettel nieder, den Konsument:innen beim täglichen Einkauf im Handel oder beim Besuch in der Gastronomie zahlen.

Und was tun wir? Wir reagieren. Aktuell wird ein für den Klimaschutz wesentliches Instrument in Frage gestellt: der CO₂-Grenzausgleich (CBAM), der beim Import von Waren in die EU als eine Art Zoll anfällt. Düngemittel könnten temporär davon befreit werden. Erneut werden kostensenkende Maßnahmen und Kompensationen diskutiert, die nichts anderes bewirken, als ein mittlerweile extrem volatiles System am Leben zu erhalten. Dabei müssten wir uns längst eingestehen, dass unser Lebensmittelproduktionssystem entlang globaler Lieferketten zum Risikofaktor geworden ist. 

Statt also das Problem an der Wurzel zu packen, werden allerorts Löcher gestopft. Und diese Symptombekämpfung ist längst zum Normalzustand geworden. Es ist daher höchst an der Zeit, sich mit diesem hochvolatilen System kritisch auseinanderzusetzen und Wege aus der Dauerkrise zu suchen. 

Österreich ist EU-weit mit über 27 Prozent der bewirtschafteten landwirtschaftlichen Fläche Spitzenreiter in der biologischen Landwirtschaft. Bio-Landwirtschaft bedeutet: reduzierter Herbizid -und Pestizideinsatz, Verzicht auf chemisch-synthetischen Dünger, Verbot von Gentechnik, artgerechte Tierhaltung und Förderung von Bodenfruchtbarkeit. Das wirkt stabilisierend – und das zeigen die Zahlen: Sämtliche Erhebungen zur Entwicklung der Lebensmittelkosten seit der Pandemie 2019 belegen, dass sich die Preise biologischer Lebensmittel deutlich stabiler verhalten und keine vergleichbaren Preissprünge wie bei konventionellen Produkten aufweisen. 

Hierzulande wird man dennoch nicht müde, die Regionalitätskeule zu schwingen, als wäre Heimattreue das einzige Kriterium für verantwortungsvollen Lebensmittelkonsum.  Dabei wird ein entscheidender Aspekt vernachlässigt, der noch über dem „Woher“ steht: das „Wie“. Wie werden unsere Lebensmittel produziert? Sind sie mit chemisch-synthetischem Pflanzenschutz, giftigen Herbiziden und Pestiziden behandelt – und gelten sie dennoch als besser, weil sie regional erzeugt wurden? Und gleich vorweg: In Österreich gibt es nicht nur Kleinbäuer:innen und Gärtner:innen, die „eh wie bio arbeiten“. Zertifizierungen haben ihren guten Grund – wir sprechen schließlich von unserer Gesundheit. 

Die Dringlichkeit dieser Fragen lässt sich kaum übertreiben: In der Europäischen Union sind aktuell etwa 60 bis 70 Prozent aller Böden in einem „ungesunden“ Zustand, knapp 90 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Böden zeigen Degenerationserscheinungen auf. Die Klimaökonomin Sigrid Stagl von der Wirtschaftsuniversität Wien warnt seit Jahren, dass bei unverändertem Fortführen industrieller Monokulturen die Bodenfruchtbarkeit so weit abnehmen könnte, dass in manchen Regionen nur noch rund 50 Ernten realistisch seien – eine Einschätzung, die sie zuletzt in ihren Arbeiten zur planetaren Belastbarkeit und nachhaltigen Landwirtschaft wiederholt hat. Was dann? Noch mehr Düngemittel, noch mehr Pestizide – noch mehr von allem, das uns und unserem Ökosystem nicht nur schadet, sondern auch enorme Kosten verursacht? 

Der Preis ist zu hoch. Es ist an der Zeit, gegenzusteuern: Konsequenzen zu ziehen, eine Strategie zu entwickeln und Maßnahmen zu setzen. Das gelingt nur im Zusammenspiel zwischen Politik, Wirtschaft und Konsument:innen – und vor allem nur dann, wenn wir uns alle des Wertes biologischer und regionaler Lebensmittelproduktion bewusst sind. Gefragt ist dabei die gesamte Wertschöpfungskette: nicht nur die Landwirtschaft und die verarbeitenden Betriebe, sondern auch der Handel – und ganz besonders die Gastronomie. 

Sie wäre ein wichtiger Hebel: um nicht nur Kulinarik aus Österreich im Sinne regionaler Lebensmittel zu fördern, sondern auch das „Wie“ miteinzubeziehen und damit die biologische Landwirtschaft zu stärken. Eine verpflichtende Bio-Zertifizierung in der Gastronomie ist längst überfällig, ebenso eine transparente Herkunftskennzeichnung. Darüber hinaus braucht es den Willen, als Gastronomiebetrieb Verantwortung zu übernehmen und Haltung zu beziehen – im Sinne unserer Ökologie, unseres Klimas und unserer Gesundheit, aber auch in Hinblick auf Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit.  

Denn die nächste Krise kommt bestimmt. Wie wir damit umgehen – und was wir daraus machen – liegt zu einem guten Teil in unseren eigenen Händen.

Alexandra Seyer-Gmeinbauer

Alexandra Seyer-Gmeinbauer ist Mitgründerin der Initiative Gaumen Hoch, die sich für nachhaltige Lebensmittelproduktion und eine stärkere Verbindung zwischen Landwirtschaft, Gastronomie und Konsument:innen einsetzt. Sie engagiert sich dafür, regionale, saisonale und biologisch produzierte Lebensmittel stärker in der Gastronomie zu verankern und faire Partnerschaften zwischen Produzent:innen und Betrieben zu fördern.

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