8 österreichische Winzer:innen, die Rosé neu denken

Es gab eine Zeit, da war Rosé der Wein, über den man nicht sprach. Diese Zeit ist vorbei.
von Jürgen Schmücking
Katherina Gessl
© Franzi Stegemann

Rosé wurde lange als Abfallprodukt gedacht, als das, was übrigblieb, wenn eine Winzerin oder ein Winzer eigentlich Rotwein machen wollte und die Tank zu voll wurden. Man ließ etwas Most abfließen, um die restliche Maische zu konzentrieren, und was dabei entstand, wurde beiläufig abgefüllt, oft süß gemacht, um Fehler zu kaschieren, und als Absacker für den Terrassentisch verkauft. Ein Wein ohne eigenen Anspruch, gedacht für den schnellen Konsum, nicht für den Keller und schon gar nicht für die Weinkarte eines ambitionierten Lokals.

Neu denken heißt hier vor allem: den Rosé nicht mehr als Nebenprodukt zu behandeln, sondern als eigenständiges Ziel. Wer bewusst produziert, entscheidet sich schon bei der Rebsortenwahl und beim Zeitpunkt der Lese bewusst für Rosé, nicht für Rotwein, der zufällig heller ausfällt. Die Mazerationszeit wird nicht dem Zufall überlassen, sondern gezielt gesteuert, je nach gewünschter Farbtiefe und Aromatik. Und statt Restsüße zur Tarnung einzusetzen, wird trocken ausgebaut, mitunter im Holzfass oder in der Amphore, was dem Wein Struktur gibt, die man einem klassischen Sommerwein kaum zutraut. Aus dem, was einmal Zufall war, wird Handwerk.Und genau dieses Handwerk zeigt sich am deutlichsten dort, wo man hinschaut: im Weingarten und im Keller der Betriebe selbst.

Acht davon stellen wir hier vor, jeder mit einem eigenen Zugang zum Thema, aber alle mit derselben Grundhaltung: Rosé ist kein Kompromiss mehr, sondern eine bewusste Entscheidung, von der Naturwein-Newcomerin in Zellerndorf bis zum jahrhundertealten Weingut am Leithaberg.

Katherina Gessl

© Franzi Stegemann
Katherina Gessl

Katharina Gessl aus Zellerndorf ist einer der erfrischendsten Neuzugänge der österreichischen Weinszene: Die 1998 geborene Winzerin aus Niederösterreich, Weinbusiness- und Önologie-Absolventin, hat ihr biologisches Kleinstweingut mit untrüglichem Gespür für Authentizität aufgebaut. Ihre Weine finden sich auf den Karten von Spitzenlokalen wie dem Mraz & Sohn. Ihr Pet Nat Zweigelt Rosé „Gspusi“ 2024 bringt es direkt auf den Punkt: jugendlich, fruchtig und Trinkspaßfaktor ohne Ende. In der Nase ein Potpourri mediterraner Noten – viel Zitrusfrucht, Himbeere, Kirsch und Rosmarin, sommerlich leicht und von unwiderstehlichem Charme. Schon beim ersten Schluck zeigt dieser Rosé, warum sein Name – österreichisch für „Lover“ – so treffend gewählt ist.

Katharina Gessl bewirtschaftet in Zellerndorf 2,65 Hektar – ihre Naturweine stehen auf Spitzenkarten weltweit. katharinagessl.at

© Franzi Stegemann
Katherina Gessl
Katharina Gessl, Naturwein-Shootingstar aus Zellerndorf, keltert mit „Gspusi“ einen prickelnden Zweigelt-Rosé.

Weingut Esterházy

Am anderen Ende des Spektrums steht das „Weingut Esterházy“, eines der historisch bedeutendsten Weingüter Österreichs. Die erste dokumentierte Erwähnung des Weinbaus in dieser traditionsreichen Adelsfamilie reicht bis ins frühe 17. Jahrhundert zurück, die Kelleraufzeichnungen bis 1758. Heute bewirtschaftet das Weingut Esterházy unter der Führung von Weingutsleiter Wolfgang Hewarth 65 Hektar Eigenfläche in Trausdorf am Leithaberg. Seit 2019 arbeitet das Weingut konsequent nachhaltig – mit sanftem Rebschnitt, Bio-Kompost und ohne Bewässerung. Die Biozertifizierung seit 2023 bestätigt diesen Weg. Dieser Betrieb steht für das Gegenteil von Zufälligkeit: Er denkt Rosé groß.

© Weingut Esterhazy
Weingut Esterhazy

Der Blaufränkisch Rosé 2025 liefert genau das, was man von dieser Adresse erwartet: Struktur, Klarheit und Trinkfluss. In der Nase zeigen sich Himbeere und roter Apfel. Am Gaumen wirkt der Wein saftig und ausgewogen, getragen von einer frischen, gut integrierten Säure. Perfekt zu leicht marinierten Sommersalaten, eventuell mit frischem Schaf- oder Ziegenkäse – und allem, was im ersten Durchgang auf den Grill kommt: Gemüse, Geflügel, Krustentiere.

Doch wer dachte, damit sei das Repertoire erschöpft, irrt. Mit dem Nr. 25–B Rosé F PetNat 2025 zeigt Esterházy, dass Experimentierfreude kein Widerspruch zu Tradition ist. Die Projektweinlinie des Hauses ist dafür da. In diesem PetNat vom Blaufränkisch dominieren rote Beeren und Hagebutte in der Nase, frisch und lebendig, mit einem feinen Hauch Brioche. Ein koketter – und gelungener – Seitenblick auf einige Schaumweine Frankreichs. Natürliche Perlage, spontan und lebendig. Ein idealer Aperitif, aber auch ein wunderbarer Begleiter fürmarinierte Forelle oder Saiblingstatar.

Das Weingut Esterházy in Trausdorf am Leithaberg arbeitet seit 2023 biozertifiziert. Die Weintradition ist viel älter: seit 1758. esterhazywein.at

© Roman Seidl
Weingut Esterhazy
Wolfgang Hewarth. Leitet das Weingut Esterházy.

Weinmanufaktur Strobl

© ms.foto.group
Weinmanufaktur Strobl

Auf wenigen Weinbergen Österreichs trägt der Boden seinen Namen so offen im Etikettennamen wie bei Clemens Strobl. Die „Weinmanufaktur Strobl“ in Kirchberg am Wagram ist ein Familienbetrieb in zweiter Generation, seit 1715 auf demselben Gut, seit 2009 unter dem Namen Clemens Strobl neu ausgerichtet: biologisch, spontan vergärend, keiner Appellation verpflichtet — und genau deshalb interessant. Holzfass, Betonei, historische Korbpresse: Handwerk auf hohem Niveau, das bewusst unkonventionell bleibt. Der Rosé „Donauschotter“ 2024 spiegelt die mineralische Eigenheit der jahrmillionenalten Schotterlage im Donautal direkt wider: fruchtig, frisch und harmonisch. Ein erfrischender Rosé, der die Terroirprägung seines Herkunftsortes in einem leichten, eleganten Geschmackserlebnis verdichtet.

Clemens Strobl, einst Werber aus Linz, keltert seit 2009 mit Sohn Lukas am Wagram großartige Bio-Weine in Handarbeit. clemens-strobl.at

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Weinmanufaktur Strobl
Clemens und Lukas Strobl machen am Wagram Bio-Weine – auch einen Rosé aus Pinot, den „Donauschotter“.

Weingut Zahel

© Bio-Weingut Zahel
Bio-Weingut Zahel

Das „Weingut Zahel“ am Rande von Wien führt vor, was biodynamischer Weinbau in der Stadt bedeuten kann. Seit 1932 in Familienhand, seit Jahren nach Demeter-Richtlinien bewirtschaftet, mit Schmetterling im Weingarten und einem Sortiment, das von der Orangetraube bis zum Gemischten Satz auf Amphore reicht. Das Weingut produziert zwei bemerkenswerte Rosé Interpretationen. Der „Ein Wildes Gläschen Rosé 2024″ ist Landwein – weil das mit der Prüfnummer für authentische Weine in Österreich so eine Sache ist. Anderes Thema. Hier: intensiver, pinkfarbener und kraftvoller Rosé mit markantem Eigencharakter. Pomelo, Pink Lady, Grapefruit. Ein saftiger Rosé mit knackiger Säure. Einer, der als Solist in der Hängematte genauso überzeugt wie zu Carbonara, Pasta e fagioli oder Steinpilzgerichten aller Art. Daneben beweist das Haus, dass Innovation kein Kompromiss bei Genuss bedeuten muss: Der Bio MERL0,0 % Sparkling – alkohol- und gentechnikfrei, mit eigens produziertem Verjus aus Gemischtem Satz – überrascht mit hellen Beeren, Litschi, Ribisel und Moosbeeren, ergänzt durch Noten von Stachelbeere und Kiwi und einer feinen Perlage. Ein Trinkerlebnis, das dem Zeitgeist entspricht, ohne auf Charakter zu verzichten.

Das Weingut Zahel in Wien – Mauer wird in vierter Generation geführt und ist Wiens einziges Demeter – Weingut. zahel.at

© Bio-Weingut Zahel
Weingut Zahel
Valentin Zahels Bandbreite an Wiener Rosés ist groß und reicht von ganz klassisch bis ziemlich funky.

Dorli Muhr

© Weingut Dorli Muhr
Weingut Dorli Muhr

Ganz andere Böden, ganz andere Geschichte: Dorli Muhr am Spitzerberg in Carnuntum. Im windexponierten Korridor zwischen Alpen und Karpaten, einem der trockensten und heißesten Plätze Österreichs, bewirtschaftet Dorli Muhr ihre Südhänge mit sieben Hektar Eigenfläche – Blaufränkisch in seinen feinsten Spielarten ist ihr Lebensthema. Seit 2004 hat sie mit einer Gruppe qualitätsorientierter Winzerinnen und Winzern die Herkunftsbezeichnung „Spitzerberg“ mitdefiniert und international bekannt gemacht. Ihr Rosé 2025 baut auf zwei Blaufränkisch – Parzellen auf, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Junge, etwa zehnjährige Reben und eine 60 Jahre alte Parzelle ergeben quasi eine generationenübergreifende Cuvée. Das Ergebnis überzeugt mit genau dem, was Alter und Jugend auszeichnet: Tiefgründigkeit und leichtfüßige Eleganz. In Summe ein charmanter, solider, ernsthafter Rosé, der ebenso nach reifen Kirschen duftet wie nach frischen Himbeeren.

Dorli Muhr keltert seit 2002 am Spitzerberg in Carnuntum biologisch – Blaufränkisch von seltener Eleganz. dorlimuhr.at

© Gaumen Hoch
Weingut Dorli Muhr
Dorli Muhr steht am Spitzerberg in Carnuntum für eleganten Blaufränkisch – und für seidigen Rosé.

Bioweingut Soellner

© Ian Ehm
Weingut Soellner

Dem Wagram zugewandt und mit anderem Ansatz: das „Bioweingut Soellner“ in Gösing am Wagram, seit 1994 Bio – Pionier der Region, heute in den Händen von Daniela Vigne und Toni Söllner, die den Hof in fünfter Generation gemeinsam mit dem erweiterten Familienverband bewirtschaften. Biodynamisch, kreislauforientiert, mit Bienenstöcken als Teil des Gesamtsystems. Der Dani Rosé 2024 – der Name ist eine Anspielung auf Daniela Vigne, die Seele hinter den Weinen – zeigt Himbeere, Erdbeere und Kräuter in der Nase: mineralisch, fruchtbetont, druckvoll und angenehm am Gaumen. Blauer Zweigelt, Blauer Burgunder und Cabernet Sauvignon von sandigen und tonigen Böden in Gösing, langsam vergoren im Edelstahltank, sehr kalt abgefüllt im frühen Frühling zur Frischeerhaltung. Ein Rosé mitKlasse – leicht, präzise und ausdrucksstark.

Toni Söllner und Daniela Vigne führen in Gösing am Wagram einen Vorzeigebetrieb. weingut-soellner.at

© Ian Ehm
Weingut Soellner
Daniela Vigne und Toni Soellner sind Pionierinnen und Pioniere des Bioweinbaus. Ihr Rosé trägt den Namen der Winzerin.

Geschwister Schödl

© Weingut Schödl
Weingut Schödl

Ergänzend dazu steht das Weinviertler Weingut der Geschwister Schödl für radikal naturbelassene Weine: biodynamisch, spontan vergoren, unfiltriert. Ihr PetNat aus Zweigelt und Pinot Noir ist schräg, rotbeerig, vibrierend, feinperlig. Der Rosé Brut Nature, im Gegensatz zum PetNat ein flaschenvergorener eleganter Klassiker, kommt straff, kräutrig, mit feiner Hefe und präziser Säure ins Glas.

Mathias, Viktoria und Leonhard Schödl: drei Geschwister, biodynamisch in Loidesthal, Sekt-Profis. schoedlfamily.at

© Mike Rabensteiner
Weingut Schödl
Die Geschwister Schödl arbeiten in Loidesthal biodynamisch im Weinviertel – Rosé Supernova inklusive.

Fred Loimer

© Weingut Loimer
Weingut Loimer

Den Schlusspunkt dieser Verkostungsreise setzt Fred Loimer mit einem Brut Rosé Reserve, der zeigt, dass österreichischer Sekt auf Augenhöhe mit dem Besten spielt, was Frankreich abseits der Champagne zu bieten hat. Loimer ist eine Instanz: Der Langenloiser Winzer, seit 1998 Betriebsleiter und Mitgründer von respekt-BIODYN, hat das Kamptal auf die internationale Biodynamiklandkarte gesetzt. 85 Hektar, Lagen wie Heiligenstein und Käferberg, Gault-Millau-Sekt-des-Jahres-2023 für den Blanc de Blancs – und jetzt dieser Brut Rosé Reserve: Noblesse oblige. Feinperlig, elegantes, blasses und nobles Lachsrosa. In der Nase frische Erdbeeren, Cassis und ganz leichte Zitrusnoten. Am Gaumen überzeugt vor allem der charmante Mousseux und die harmonische Säure, dann Aromen von Schattenmorellen, frischen Feigen, wieder Cassis und Lemon Curd. Am Schluss kommen warme hefige Noten – was sich in Kombination mit der dominanten Erdbeerfrucht wie eine Erdbeerschnitte präsentiert. Sehr geradlinig und präzise. Macht Spaß. Vor allem zu eleganten Gerichten wie konfiertem Saibling.

Fred Loimer bewirtschaftet in Langenlois biodynamisch und gilt als Pionier von respekt – BIODYN im Kamptal. loimer.at

© Weingut Loimer
Weingut Loimer
Fred Loimers biodynamischer Brut Rosé Reserve gilt als bester Rosé-Sekt des Landes.

Neu bei Gaumen Hoch

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