Wie lange ist ein Apfel wirklich frisch?

Wie die Lagerung von Äpfeln das Mikrobiom verändert – und warum Frische mehr ist als ein Versprechen
Gabriele Berg über das Mikrobiom von Früchten und deren Lagerung
© Gaumen Hoch

Wir haben gelernt, Lebensmittel nach ihrem Aussehen zu beurteilen. Ein Apfel gilt als frisch, wenn er glänzt, fest ist, keine Druckstellen zeigt und beim Reinbeißen dieses vertraute Knacken erzeugt, das wir mit Herbst verbinden – selbst dann, wenn es draußen längst Frühling ist. Die moderne Lagertechnik hat uns diese Illusion perfektioniert: Unter kontrollierten Bedingungen lassen sich Äpfel über Monate, teilweise bis zu einem Jahr lagern, ohne dass sie sichtbar altern. Kühlhäuser sind zu Zeitkapseln geworden.

Was sie jedoch nicht konservieren, ist das Mikrobiom der Frucht.

Das Mikrobiom von Obst: Ein unsichtbares Ökosystem

Dass Früchte mikrobiell besiedelt sind, ist keine neue Erkenntnis. Neu ist der Blick auf das Ganze. Mikroorganismen sitzen nicht nur auf der Schale, sie durchziehen das Fruchtfleisch, das Kerngehäuse, sie sind Teil der Pflanze geworden.

Was ist das Mikrobiom von Obst – und warum ist es relevant?

Unter dem Mikrobiom versteht man die Gesamtheit aller Mikroorganismen, die ein bestimmtes Umfeld besiedeln. Bei Obst bedeutet das: Bakterien, Pilze und weitere Mikroorganismen, die während des Wachstums Teil der Frucht werden.

Diese mikrobielle Gemeinschaft ist kein zufälliger Belag. Sie steht in Wechselwirkung mit dem Boden, mit Anbaumethoden, mit Pflanzenschutzmaßnahmen – und später mit der Lagerung. Wer über Darmmikrobiom und Gesundheit spricht, muss daher auch über das Mikrobiom von Lebensmitteln sprechen.

Im Gaumen-Hoch-Podcast spricht die renommierte Mikrobiom-Expertin Prof. Dr. Gabriele Berg mit Gaumen Hoch-Gründerin Alexandra Seyer-Gmeinbauer, dass sich dieses mikrobielle Gefüge während der Lagerung verändert.

Podcast-Folge 🎧 Gesund altern beginnt im Boden – Mikrobiom, Vielfalt und One Health

Prof. Dr. Gabriele Berg, eine der international prägenden Forscherinnen ihres Fachs, im Gespräch mit Gaumen Hoch-Gründerin Alexandra Seyer-Gmeinbauer.

Mikrobiomforschung verträgt keine Verkürzung. Wer sich ernsthaft mit ihr auseinandersetzt, merkt schnell, dass einfache Antworten dort enden, wo Zusammenhänge beginnen.

„Gelagertes Obst und Gemüse ist zwar vom Aussehen wenig beeinträchtigt, das Mikrobiom verändert sich aber sehr wohl.“
Mikrobiom-Expertin Gabriele Berg

Dieser Satz ist nüchtern formuliert. Er hat dennoch Konsequenzen. Denn wenn sich das mikrobielle Gleichgewicht verschiebt, verschiebt sich ein Teil dessen, was dieses Lebensmittel biologisch ausmacht.

Wie lange kann man Äpfel lagern – und was bedeutet das mikrobiologisch?

Äpfel können unter kontrollierten Bedingungen bis zu zwölf Monate gelagert werden, in den USA sogar noch länger. Möglich macht das eine präzise Regulierung von Temperatur, Sauerstoff und Luftfeuchtigkeit. Der Reifeprozess wird verlangsamt, der Zerfall verhindert, die Optik bleibt stabil.
Biologisch jedoch bedeutet Zeit immer Veränderung.

Berg beschreibt während der Lagerung einen „Shift im Mikrobiom“. Bestimmte Mikroorganismen werden dominanter, andere verschwinden. Das Gleichgewicht reorganisiert sich. Besonders interessant – und wissenschaftlich weiter zu beobachten – ist dabei ein weiterer Hinweis aus dem Gespräch:

„Wir beobachten, dass vermehrt Resistenzen, Antibiotikaresistenzen, weitergegeben werden, die eventuell eine klinische Bedeutung haben könnten.“
Mikrobiom-Expertin Gabriele Berg

Das ist keine Panikmeldung. Aber es ist ein Hinweis darauf, dass Lagerung nicht nur eine logistische, sondern auch eine mikrobiologische Dimension hat. Ein Apfel im März ist also nicht identisch mit einem Apfel im Oktober – selbst wenn beide aus derselben Ernte stammen.

Frische ist eine Zeitfrage

Der Begriff Frische ist im Handel vor allem sensorisch definiert. Festigkeit, Saftigkeit, Aussehen. Doch wenn Lebensmittel lebendige Systeme sind, dann ist Frische auch eine Frage der Zeitnähe zur Ernte.

Je länger die Lagerzeit, desto größer die Wahrscheinlichkeit mikrobieller Veränderungen. Das heißt nicht, dass gelagerte Äpfel per se problematisch sind. Es heißt, dass Dauerverfügbarkeit biologisch nicht neutral ist.
In einer Welt, in der Erdbeeren im Winter und Äpfel im Sommer selbstverständlich sind, lohnt sich die Erinnerung daran, dass Saison kein ästhetisches Konzept ist, sondern ein biologischer Rhythmus.

Saisonale und regionale Lebensmittel: Ein nüchterner Zusammenhang

Die Diskussion um Regionalität wird häufig moralisch geführt. Mikrobiologisch lässt sie sich pragmatischer betrachten. Kürzere Wege und kürzere Lagerzeiten bedeuten weniger Zeit für mikrobielle Umstrukturierung. Im Podcast sagt Berg dazu schlicht:

„Diversität zählt auf allen Ebenen.“
Mikrobiom-Expertin Gabriele Berg

Das gilt für Anbausysteme, für Sortenvielfalt – und für das Zusammenspiel von Boden, Pflanze und Mensch. Wer über Mikrobiom spricht, muss zwangsläufig über landwirtschaftliche Praxis, Lagerdauer und Verarbeitung sprechen. Das System endet nicht am Darm.

Qualität jenseits der Oberfläche

Vielleicht ist das die eigentliche Zumutung dieser Forschung: Sie zwingt uns, Qualität neu zu denken. Makellose Oberfläche war lange das Maß aller Dinge. Das Mikrobiom fügt eine unsichtbare Ebene hinzu.

Ein Apfel ist kein steriles Produkt, sondern ein biologisches System mit Herkunft, Anbaumethode, Lagerzeit und mikrobieller Geschichte. Diese Geschichte läuft weiter – auch im Kühlhaus.

Frisch schlägt perfekt, weil Perfektion eine Oberfläche beschreibt. Frische hingegen beschreibt einen Zustand, der näher am Ursprung liegt. Und vielleicht beginnt bewusster Konsum genau dort – im Wissen, dass auch Lebensmittel altern, selbst wenn sie es uns nicht zeigen.

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