Der 7. Oktober begann in der Reitschule Grafenegg mit einem Bio-Frühstück und endete mit einem Fest. Dazwischen lag ein Tag, der sich konsequent der Frage widmete, die über dem gesamten Symposium stand: Was braucht unser Ernährungssystem in Zukunft, damit Menschen, Natur und Gesellschaft langfristig gesund bleiben?






























Eine große Frage unserer Zeit
Nach einer künstlerischen Intervention des Wiener Akkordeonisten Nikola Zaric, dessen geheimnisvoll sanfte Klänge die beeindruckenden Bilder des Fotografen Gregor Sailer begleiteten, eröffneten Alexandra Seyer-Gmeinbauer und Reinhold Gmeinbauer das erste Gaumen Hoch-Symposium in der Reitschule Grafenegg.




„Warum veranstalten wir das erste Gaumen Hoch-Symposium?“, fragte Gemeinbauer in seiner Eröffnungsrede. „Weil wir überzeugt sind, dass die Frage, wie wir uns ernähren, zu den großen Fragen unserer Zeit gehört.“ Alexandra Seyer-Gmeinbauer ergänzte: „Wir wollen unser Lebensmittel- und Ernährungssystem in den nächsten zwei Tagen so denken, wie es sein sollte: disziplin- und branchenübergreifend; so haben wir auch das Symposium gestaltet.“
„Wir sind überzeugt, dass die Frage, wie wir uns ernähren, zu den großen Fragen unserer Zeit gehört.“




Mission Systemwandel
Den inhaltlichen Auftakt bestritt Mediziner, Humanökologe und Autor Martin Grassberger, der als Kurator des Symposiums den Rahmen für die folgenden zwei Tage absteckte: Sein Eröffnungsimpuls galt dem Systemwandel, den es laut Grassberger braucht, um aus einer Logik auszubrechen, die Erträge und Effizienz misst, aber jene Qualitäten übersieht, die ein Ernährungssystem tatsächlich lebendig machen.




„Wir stehen in den Ruinen der Wirtschaftsidee des homo oeconomicus, des Raubtierkapitalismus. Was 70 Jahre später herausgekommen ist: Immer mehr Ungleichheit, das belastet die Stabilität des Gesellschaftssystems massiv“, so Grassberger. Anhand eines Vogelschwarms erklärte er komplexe Systeme in der Natur: „Sie sind nicht linear organisiert, sondern es sind die Verbindungen und Wechselwirkungen, die eine verborgene Qualität hervorbringen. Daher ist Systemdenken für sozialen Wandel eine Grundvoraussetzung, auch für unser Ernährungssystem.“
„Wenn es um komplexe Systeme wie unser Ernährungssystem geht, können wir nur vorsichtig interagieren, mit den Systemen tanzen.“
Direkt im Anschluss übernahm Valerie Huber die Bühne. Die Schauspielerin und Aktivistin sprach darüber, warum struktureller Wandel im Ernährungssystem einen Bewusstseinswandel, eine „soft revolution“ voraussetzt. „Wir haben ein Ernährungssystem kreiert, das unsere Böden kaputt macht”, so Huber. „Was wir brauchen, ist eine Revolution. Keine blutrünstige Schlacht oder ein gewalttätiges Aufbegehren. Sondern eine Revolution unserer Werte, eine innere Transformation.“






Das ägyptische Wunder in der Wüste
Nach der Mittagspause, in der die Gäste interessanten Austausch bei einem vegetarischen Mittagessen genossen, nahm der online zugeschaltete Helmy Abouleish das Publikum mit nach Afrika. In seiner Keynote „Ein Märchen aus 1001er Nacht“ zeigte der CEO der ägyptischen SEKEM-Gruppe anhand der von seinem Vater gegründeten biologisch-dynamischen Landwirtschaft mitten in der Wüste, wie ein Projekt nicht nur einzelne Felder, sondern ein ganzes Land verändern kann.
Dass das Projekt – auch wirtschaftlich – funktioniert, führt Abouleish auf die „Wirtschaft der Liebe“ zurück, deren Ziel es ist, dass es allen gut geht und sich jede und jeder Teilnehmende wertgeschätzt fühlt. Abouleishs Vision für 2057: „Wir wollen einen Beitrag zum Systemwandel leisten und unseren erfolgreichen Prototypen in die Gesellschaft tragen. Das haben wir uns für Ägypten vorgenommen.“
„Die Menschen sagten, das sei eine Mission Impossible, weil es Wohlstand in der Wüste nicht gäbe und die Wirtschaft der Liebe, bei der es allen gut geht, auch nicht.“
Zwei Bauern, eine Haltung
Thematisch zurück nach Mitteleuropa, aber in der Sache ebenso grundlegend, ging es im Anschluss mit Sepp Braun und Alfred Grand weiter. Unter dem Titel „Mit der Natur statt gegen sie“ erklärten die Landwirte, wie Bodengesundheit und eine veränderte landwirtschaftliche Praxis zusammenhängen. Auf seinem Forschungs- und Demonstrationsbauernhof testet und erforscht „Regenwurmbauer“ Braun zukunftsfähige Food-Systeme. Er sagt: „Zukunftsfähig bedeutet nicht nur nachhaltig, das ist zu wenig. Zukunftsfähig bedeutet regenerativ.“





„Der Mensch kann keine Erde machen. Aber der Regenwurm, gemeinsam mit der Natur, kann das.“
Der bayrische Bio-Bauer Braun betonte, dass wir unseren Ernährungsstil künftig massiv ändern müssten, um den Planeten nicht „leerzufressen“. Zugleich brachte er eine hoffnungsvolle Botschaft mit: „Wenn wir lernen, als Menschen wieder Partnerschaften mit der Natur einzugehen, wird sie uns helfen, unsere Herausforderungen zu lösen.“
Breakout Sessions: Deep Dives mit Expert:innen
Am späten Nachmittag teilte sich das Programm in acht parallele Breakout Sessions mit kleiner Teilnehmendenzahl: von Bodenpraxis mit Sepp Braun und Alfred Grand über ein Sensoriklabor von Tafel Österreich bis zu biodynamischem Weinbau mit Fred Loimer und Birgit Braunstein. Wer sich lieber mit Sortenvielfalt, Ernährungsbildung oder naturnahem Gärtnern beschäftigen wollte, kam ebenso auf seine Kosten.
























Das Fest der Pionier:innen
Den Abschluss des ersten Tages bildete ein ganz besonderer Programmpunkt: das Fest der Pionier:innen mit der ersten Verleihung der Gaumen Hoch Awards 2026. In drei Kategorien – Landwirtschaft & Weinbau, Verarbeitung und Gastronomie – wurden die Auszeichnungen für Ökointelligenz an Menschen vergeben, die sich für eine gesunde, genussvolle und verantwortungsbewusste Ernährungskultur einsetzen.





„Die Gaumen Hoch Awards sind ein Dankeschön von uns an besonders visionäre Menschen“, sagte Gaumen Hoch-Gründer Reinhold Gmeinbauer. „Weil sie Vorbilder sind und uns von Beginn an bekräftigt haben, unserem Weg weiterhin mutig zu folgen und an unsere Bewegung zu glauben.“
Im Anschluss wurde es kulinarisch: Beim großen Gaumen Hoch-Dinner servierten fünf Spitzenköch:innen aus dem Gaumen Hoch-Netzwerk ein einzigartiges Menü, gekocht aus Bio-Zutaten von Gaumen Hoch-Produzent:innen und begleitet von Weinen des Kollektivs respekt-BIODYN.











































Der erste Tag des Gaumen Hoch-Symposiums endete somit dort, wo er inhaltlich begonnen hatte: bei der Frage, wer ein Ernährungssystem trägt und was es braucht, damit diese Arbeit sichtbar wird.

















