Am 1. März ist Tag des Schweins. Er wurde einst eingeführt, um Schweine als das zu zeigen, was sie sind: kluge, soziale Wesen mit ausgeprägtem Verhalten. Betrachtet man jedoch, wie der Großteil dieser Tiere heute gehalten wird, wirkt der Feiertag fast wie ein stiller Widerspruch.
So wenig Wert legen wir auf Bio
In Österreich werden laut BML rund 2,5 Millionen Schweine auf etwa 16.600 Betrieben gehalten. Der Großteil lebt in konventionellen Systemen; laut Statistik Austria sind rund zwei Drittel der Schweineplätze als Vollspaltenbodenplätze ausgewiesen. Dieses System ist technisch eine Effizienzlösung: Exkremente fallen durch Schlitze in eine darunterliegende Güllegrube, Arbeitsaufwand und Reinigung werden minimiert. Wirtschaftlich ist das schlüssig. Doch ein Vollspaltenboden erlaubt keine klare Trennung von Liege- und Kotbereich und bietet kein Material zum Wühlen – zwei zentrale Bedürfnisse des Schweins.
Das Tier mit dem schmutzigen Image
„Das dreckige Schwein ist eine Beleidigung fürs Schwein“, sagt Andreas Maurer im Gaumen-Hoch-Podcast. Haben Schweine ausreichend Platz und Struktur, trennen sie ihre Funktionsbereiche sauber voneinander. Sie legen ihren eigenen Kotplatz an, schlafen getrennt vom Fressbereich und verbringen einen großen Teil des Tages mit Wühlen, Suchen und Erkunden. „Ein Schwein ist ein sehr sauberes Tier, wenn man es lässt“, sagt Maurer.
Auch Schweineexpertin Marianne Ondra betont, dass Schweine sensibel auf ihre Umgebung reagieren. Als ausgeprägte Gruppentiere nehmen sie Enge, Lärm und fehlende Struktur unmittelbar wahr. Stress zeigt sich dann in Unruhe, Rangkämpfen oder Verhaltensauffälligkeiten. Fehlen Beschäftigungsmaterial und klar getrennte Bereiche, steigt der Druck im System. Struktur, Stroh und Rückzugsmöglichkeiten wirken dagegen stabilisierend.
„Wenn wir Tiere zu unserem Genuss halten, dann müssen wir ihnen auch ein schönes Leben bieten.“
Vom Stall zum Markt
Der Pro-Kopf-Konsum in Österreich liegt bei etwa 35 Kilogramm pro Jahr. Gleichzeitig liegt der Bio-Anteil in der österreichischen Schweinehaltung bei nur rund drei Prozent. Die Diskrepanz ist deutlich: Wir konsumieren Schweinefleisch in großen Mengen, aber nur ein Bruchteil der Tiere lebt unter Bedingungen, die dem Gedanken des „Tags des Schweins“ nahekommen. Der Rest wächst in einem System auf, das auf Menge, Geschwindigkeit und Preis optimiert ist.
Konventionelle vs. biologische Schweinehaltung
| Kriterium | Konventionelle Haltung (Status quo) | Biologische Haltung (EU-Bio / Bio Austria) |
|---|---|---|
| Bio-Anteil in Österreich | ca. 97 % der Schweine | ca. 3 % der Schweine |
| Platzangebot | Gesetzliches Mindestmaß, hohe Besatzdichten | Deutlich mehr Platz pro Tier |
| Bodensystem | Häufig Vollspaltenboden (ca. zwei Drittel der Plätze) | Kein reiner Vollspaltenboden erlaubt |
| Einstreu | Nicht verpflichtend | Stroh verpflichtend |
| Auslauf | Kein verpflichtender Zugang ins Freie | Täglicher Zugang ins Freie vorgeschrieben |
| Futter | Konventionell erzeugt | 100 % biologisches Futter |
| Medikamente | Einsatz nach Bedarf möglich, prophylaktisch erlaubt | Keine prophylaktische Gabe, streng reglementiert |
| Mastdauer | Kürzere Mastzeiten | Längere Mastdauer |
| Kontrollen | Gesetzliche Mindestkontrollen | Jährliche Bio-Kontrollen zusätzlich |
| Preisniveau | Niedrig, stark marktgetrieben | Höher aufgrund von Platz, Futter & Aufwand |
Wenn Schweine Schwein haben
Wie das konkret aussehen kann, zeigt Bio-Hofladen Tatzber. Im Februar 2026 freuen sich die Schweine über den vielen Schnee, und wühlen mit glücklichen Gesichtern darin. „Es macht ihnen sichtlich Spaß“, sagen Patricia und Alfred Tatzber.
Dass die beiden 2015 ihren Betrieb auf Bio umstellten, war das Ergebnis eines Strukturwandels, der sich über Jahre aufgebaut hatte. In den 2000er-Jahren hatte sich die Schweinehaltung in Österreich stark spezialisiert. Größere Stallanlagen, höhere Besatzdichten, Investitionen in Effizienz – viele Betriebe wuchsen, um im Preisdruck bestehen zu können. Wer konventionell blieb, musste meist größer werden.
„Wenn man aus Überzeugung umstellt, weil man der Meinung ist, dass das der richtige Weg ist, mit der Natur umzugehen, dann gibt es kein Zurück.“
„Wenn man Tierhaltung weiter betreiben will, stockt man auf mit Vollspaltenböden – oder man geht den anderen Weg“, beschreiben die Tatzbers rückblickend die Situation. Der andere Weg bedeutete für sie: Stall umbauen, Tierzahl reduzieren, in eine Nische gehen. Nicht mehr mithalten im Mengenwettbewerb, sondern sich bewusst davon lösen.

Mit Bio ergriffen sie die Möglichkeit, mit einem kleineren Stall wirtschaftlich bestehen. Weniger Tiere, Hofschlachtung und Direktvermarktung. Das bedeutete nicht weniger Arbeit – im Gegenteil. Die Umstellung habe ihren Zeitaufwand massiv erhöht und das Betriebsmanagement „auf den Kopf gestellt“. Gezögert hätten sie dennoch nie. „An der Bio-Entscheidung haben wir nie gezweifelt. Wenn man aus Überzeugung umstellt, weil man der Meinung ist, dass das der richtige Weg ist, mit der Natur umzugehen, dann gibt es kein Zurück.“
Weitere Positivbeispiele:
- Biohof Maurer. In Wien zeigt Andreas Maurer, dass auch im urbanen Raum biologische Schweinehaltung möglich ist. Seine Tiere haben täglichen Auslauf und strukturierte Ställe mit Einstreu. Gleichzeitig macht er Haltung sichtbar – durch Bildungsarbeit und Transparenz. Der Biohof Maurer im Gaumen Hoch-Guide
- Biohof Wölfleder. Hier werden Schweine in überschaubarer Zahl gehalten und am Hof weiterverarbeitet. Zucht, Mast und Verarbeitung bleiben in einer Hand, wodurch Wertschöpfung und Verantwortung zusammenfallen. Das Schwein ist Teil eines geschlossenen Kreislaufs – nicht bloß Rohstoff. Der Biohof Wölfleder im Gaumen Hoch-Guide
Was bedeutet die Umstellung auf Bio-Schweinehaltung?
- Zertifizierung und Umstellungsphase
- Stallumbau oder Neubau
- Reduktion der Tierzahl
- 100 % Bio-Futter
- streng regulierter Medikamenteneinsatz
- mehr Arbeitsaufwand
- neue Vermarktungsstrategie
Wenn Haltung zur Kostenfrage wird
Bio bedeutet mehr Platz, Auslauf, Stroh und strengere Vorgaben – und damit höhere Produktionskosten. Solange Schweinefleisch vor allem über den Preis verkauft wird, bleibt Haltung eine wirtschaftliche Abwägung. Das geplante Verbot reiner Vollspaltenböden zeigt, wie zäh strukturelle Veränderungen sind: Selbst gesetzliche Anpassungen lösen die grundlegende Frage nach Konsum und Zahlungsbereitschaft nicht.
Zurück zum Sonntagsbraten?
Vielleicht liegt der entscheidende Hebel für bessere Haltungsbedingungen nicht allein in der Haltungsform, sondern in der Häufigkeit unseres Konsums. Maurer formuliert es ohne Pathos: Wir essen zu viel Fleisch. Früher war der Sonntagsbraten ein Ereignis, heute ist Schweinefleisch alltäglich verfügbar – als Schnitzel, als Wurst, als belegtes Brot. Die Ausnahme ist zur Gewohnheit geworden.
„Bei der Oma war es ganz normal, dass es nur am Sonntag Fleisch gegeben hat. Das ist genau das, was wir brauchen. Wenn wir da wieder ankommen, dann können wir die ganze Welt bio ernähren.„
Wenn Fleisch wieder etwas Besonderes wäre, würde sich automatisch auch der Maßstab verschieben. Weniger Menge schafft Spielraum für höhere Qualität. Wer seltener Schwein isst, kann sich bewusst für Produkte aus nachvollziehbarer Haltung entscheiden – und Betriebe unterstützen, die Transparenz leben.
Der stille Widerspruch bleibt
Der „Tag des Schweins“ wollte ursprünglich Respekt und Bewusstsein schaffen. Heute legt er einen Widerspruch offen: Zwischen dem Bild vom klugen, sozialen Tier und der Realität eines Systems, das auf maximale Verfügbarkeit ausgelegt ist.
Vielleicht liegt seine eigentliche Relevanz nicht im Feiern, sondern im bewussten Entscheiden. Wie wir Schweine halten, ist das Ergebnis von Markt, Politik und Konsum. Und all das lässt sich verändern.




















